Forschungsgruppe Medienwandel

Ein Nachmittag im Zeichen des Wandels

Am Donnerstag, den 25. Juni 2015, war es so weit, die Forschungsgruppe Medienwandel lud zur Tagung Forschung trifft Krise – Krise trifft Praxis in die Edmundsmurg. Über den Dächern Salzburgs, fanden sich rund 90 Gäste zu den Vorträgen und Diskussionen ein. Durch den Abend führten die Moderatoren Hannah Lindermayer und Patrick Freitag, sowie die Podiumsleiter Marlene Gsenger und Florian Uibner.

Der erste Teil des Programms beschäftigte sich mit dem Thema Journalismus im Wandel. Dabei wurden die Herausforderungen für den Journalismus thematisiert sowie die Rolle sozialer Netzwerke in der heutigen Gesellschaft. Die Gäste Ralf Hillebrand von den Salzburger Nachrichten, Tobias Pötzelsberger vom ORF Salzburg, Prof. Roman Hummel und Ass. Prof. Ursula Maier-Rabler von der Universität Salzburg diskutierten über dieses Thema in der ersten Podiumsdiskussion. Neben den Herausforderungen, denen sich der klassische Journalismus in der Onlinewelt stellen muss, widmeten sich die Diskutierenden auch der Grundsatzfrage der Funktionen der Medien. Besonders hervorgehoben wurde die Rolle der Wissenschaft in der Medienbranche, die grundlegend zur Bildung von Medienkompetenzen beiträgt.

Nach einer kleinen Erfrischung wurde über den strukturellen Wandel der Medienbranche referiert und diskutiert. Über die Finanzierung, Innovationen und Zukunftsperspektiven der Medien sprachen die Gäste Prof. Barbara Thomaß von der Universität Bochum, Manfred Perterer von den Salzburger Nachrichten, Wolfgang Vyslozil ehemaliger APA Geschäftsführer, Prof. Thomas Steinmaurer von der Universität Salzburg, und Heidi Iro vom Red Bull Media House. Thematisiert wurden die politischen Rahmenbedingungen von Medieninhalten, die Abgrenzung von Medien und Politik sowie neue Formen der Medienfinanzierung ohne Einfluss politischer Hand.

Einen Abschluss fand der inspirierende Abend bei feinem Buffet und Getränken. Die Forschungsgruppe Medienwandel bedankt sich für die gelungene Tagung und die spannenden Themen bei allen Zuhörern, den Podiumsgästen, den Sponsoren und besonders beim Leiter des Masterprojektes “Change – Wandel der Leitmedien” und Fachbereichsleiter Prof. Josef Trappel.

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Sensationsfrust und Schuldfrage

07.05.2015. Ein Beitrag von Johanna Jung und Jennifer Woods für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Neues Bild

Verwanzte Blumensträuße, verdeckte Kameras, verkleidete Journalisten. Für viele ist im März nicht nur ein Flugzeug, sondern auch der Journalismus abgestürzt. Auf der Jagd nach schnellen   Schlagzeilen scheinen die Medien   immer skrupelloser und   sensationsfreudiger vorzugehen. Wie lässt sich diese Entwicklung aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht erklären?

Quantität sticht Qualität

Die jüngste Katastrophe der deutschen Geschichte ereignete sich am Vormittag des 24. März 2015: Auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf zerschellt der Germanwings-Airbus A320 in den südfranzösischen Alpen und reißt alle 150 Insassen in den Tod. Zwei Tage später gerät der Co-Pilot in Verdacht, den Absturz absichtlich herbeigeführt zu haben (vgl. Echo-Online 2015: o.S.). Doch die Menschen zeigten sich nicht nur über die eigentliche Katastrophe erschüttert, sondern auch über die katastrophale Berichterstattung. Unzählige Falschmeldungen ohne Bestätigung, Expertenbefragungen ohne Antworten, Sondersendungen ohne Inhalt und Spekulationen ohne ausreichende Hinweise prägen den medialen Irrflug. Keine Frage: Ihre Informationspflicht haben die Medien mehr als erschöpfend erfüllt – zumindest in Sachen Schnelligkeit und Aktualität. Doch ist Quantität die neue Qualität? Haben es die Medien durch die zunehmende Mediatisierung und mobile Mediennutzung mit ungeduldigen, informationshungrigen Rezipienten zu tun,   die eine entsprechende Berichterstattung einfordern? „[…] Medien sind Treiber und Getriebene einer Entwicklung, die mit einem tatsächlichen oder unterstellten allumfassenden Informationsanspruch der Gesellschaft an die Grenze des Totalitären führt“, erklärt Peter Lange, Chefredakteur von Deutschlandradio Kultur (Lange 2015: o.S.). So reagieren die Medien seiner Meinung nach „auf die Zwänge, denen sie sich ausgesetzt sehen von einer Gesellschaft, die sich angeblich im permanenten Breaking-News-Modus befindet“ (Lange 2015: o.S.). Über den Urheber der neuen Quantität lässt sich scheinbar streiten.

 Sensation sticht Sensibilität

Als bekannt wird, dass sich auch sechzehn Schüler und zwei Lehrerinnen des Halterner Gymnasiums an Bord befunden haben müssen, ist die Tragödie perfekt. Wie ein Rudel hungriger Wölfe stürzen sich die Medien nun auf die trauernden Hinterbliebenen und reißen sich um die emotionalsten Momente. Ein Schüler des betroffenen Gymnasiums schildert die mediale Belagerung auf seinem Blog. Darin berichtet er etwa von verkleideten Reportern, verwanzten Blumensträußen, verdeckten Aufnahmen und verbotenen Kopien von Kondolenzbucheinträgen (vgl. Baumeister 2015: o.S.). In der Zwickmühle zwischen Qualität, Quantität und Quote scheint der Spagat zwischen ausgiebiger und angemessener Berichterstattung nicht recht zu gelingen. Dies zeichnete sich bereits bei ähnlichen Tragödien wie dem Winnenden-Amoklauf 2009 oder dem Loveparade-Unglück 2010 ab (vgl. Zeit-Online 2009: o.S.; Pfister 2010: o.S.). Der Publizist Albrecht von Lucke spricht sogar von einem “wiederkehrenden Medien-Ritual”, welches vermutlich nicht zum letzten Mal zu beobachten ist (Baetz 2015: o.S.). Hat sich die katastrophale Katastrophenberichterstattung bereits etabliert?

Nachrichtenwert sticht Pressekodex

Ein Blick in den Pressekodex bestätigt diesen Verdacht. Dieser Sammlung publizistischer Grundsätze stimmen Verleger und Journalisten zwar in freiwilliger Selbstverpflichtung zu, doch scheinbar mit gekreuzten Fingern. Zumindest scheinen die Grundsätze „Sorgfalt“ (2.), „Grenzen der Recherche“ (4.), „Schutz der Persönlichkeit“ (8.), „Sensationsberichterstattung, Jugendschutz“ (11.) oder „Unschuldsvermutung“ (13.) vielen Journalisten bei der Berichterstattung zum Germanwings- Unglück wieder einmal entfallen zu sein. Grundsatz Nr. 4 verbietet etwa „unlautere Methoden“ bei der Informationsbeschaffung, welchen die Bedrängung und Bezahlung von Minderjährigen für Interviews oder Talkshowbesuche vermutlich zugezählt werden können. Zudem erscheinen verdeckte Reportagen als falsche Seelsorger oder Lehrer verkleidet mehr als ungerechtfertigt, da wohl kaum aufgedeckt werden muss, dass Menschen nach einem schweren Verlust für gewöhnlich trauern. Stattdessen sollte die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen nach dem 11. Grundsatz „ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen“ finden (Presserat 2015: o.S.). Was jedoch in Haltern geschah, ist im journalistischen Fachjargon unter dem Begriff „Witwen-Schütteln“ bekannt. Darunter ist die rücksichts- und respektlose Jagd nach Informationen aus dem nächsten Umfeld von Tätern und Opfern einer Straftat oder Katastrophe zu verstehen (vgl. Deutschlandfunk 2015: o.S.; Baetz 2015: o.S.).Wie praktisch, dass die Befolgung der Kodex-Richtlinien auf Freiwilligkeit beruht und die höchste Strafe eine öffentliche Rüge des Deutschen Presserats ist. So können die Medien ungestört aus dem vollen Wert ihrer Nachrichten schöpfen, ohne ernsthafte Folgen befürchten zu müssen. Allerdings wurde die Rechnung wohl ohne die Rezipienten gemacht. Über 200 beim Deutschen Presserat eingereichte Beschwerden, wutentbrannte Kommentare in sozialen Netzwerken, Proteste wie #Bildboykott oder eine Online-Petition gegen Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner mit über 45.000 Unterstützern zeugen von gewaltigem Gegenwind (vgl. Echo 2015: o.S.; Huffington-Post 2015: o.S.; Focus-Online 2015: o.S.). Doch die Weste der Kritiker strahlt verdächtig weiß. Würden die Medien wirklich so intensiv über ein Ereignis berichten, wenn dieses nicht ebenso intensiv rezipiert würde bzw. nicht lukrativ genug wäre? Würden die Medien wochenlang auf eine Art und Weise berichten, welche beim Großteil ihrer Rezipienten auf Ablehnung stößt?

Fazit

Die Germanwings-Katastrophe hat einmal mehr aufgezeigt, dass die Medien für eine gute Story gerne über Leichen gehen. Dies liegt jedoch nicht nur an einer offensichtlich nachlassenden Berufsethik auf Journalistenseite, sondern wohl auch an einer gestiegenen Sensationsaffinität auf Rezipientenseite. Doch ist das alles? „Für den Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ist das Nicht-Innehalten-Können des Medienbetriebs, die Scheu davor, auch einmal nicht zu berichten, wenn es nichts Neues zu sagen gibt, ein Indiz für die Unfähigkeit unserer Mediengesellschaft, mit Ungewissheiten umzugehen“, zitiert Publizist Albrecht von Lucke (Baetz 2015: o.S.). Er selbst möchte Pörksens Theorie um die „Unfähigkeit zu trauern“ ergänzen: „Nicht nur die Medienmacher halten nicht inne, sondern auch eine große Zahl ihrer Kunden“ (Baetz 2015: o.S.). Bleibt nur zu hoffen, dass das Germanwings-Unglück nicht nur eine wichtige Debatte gebracht hat, sondern auch einen Wendepunkt.

 

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Hinweis in eigener Sache: Am 25.6.2015 veranstaltet die Forschungsgruppe eine Podiumsdiskussion zum Thema “Wissenschaft trifft Krise – Krise trifft Praxis”. In der Edmunsburg in Salzburg diskutieren dazu Vertreter aus Wissenschaft und Medienbranche. Eintritt frei.

 

Verwendete Quellen:

Baetz, Brigitte (2015): Berichterstattung zum Germanwings-Unglück. Unfähigkeit, mit Ungewissheiten umzugehen. Online unter: http://www.deutschlandradiokultur.de/berichterstattung- zum-germanwings-unglueck-unfaehigkeit-mit.1013.de.html?dram:article_id=315580 (03.05.2015).

Baumeister, Mika (2015): Umgang der Medien mit Schülern und Angehörigen in Haltern. Online unter: http://meistergedanke.de/2015/umgang-der-medien-mit-schuelern-und-angehoerigen-in- haltern/43 (03.05.2015).

Deutschlandfunk (2015): Berichterstattung zum Absturz. „Andere Themen wurden vernachlässigt“. Online unter: http://www.deutschlandfunk.de/berichterstattung-zum-absturz-andere-themen- wurden.694.de.html?dram:article_id=315435 (03.05.2015).

Echo-Online (2015): Berichterstattung Germanwings-Absturz: Verhalten sich die Medien korrekt? Online unter: http://www.echo-online.de/start/frage_der_woche/Berichterstattung-Germanwings- Absturz-Verhalten-sich-die-Medien-korrekt;art2954,6072947 (03.05.2015).

Focus-Online: Wegen Kolumne zu Germanwings-Absturz. „Pietätlos und dumm“: Jenny Jürgens startet Petition gegen „Post von Wagner“. Online unter: http://www.focus.de/kultur/medien/wegen- kolumne-zu-germanwings-absturz-jenny-juergens-startet-petition-gegen-post-von- wagner_id_4579892.html (03.05.2015).

Huffington-Post (2015): Boykott gegen „Bild“-Zeitung wegen Germanwings-Berichterstattung. Online unter: http://www.huffingtonpost.de/2015/03/31/boykott-gegen-bild-zeitung_n_6975756.html (03.05.2015).

Lange, Peter (2015): Katastrophen-Berichterstattung. Wir informieren uns zu Tode. Online unter: http://www.deutschlandradiokultur.de/katastrophen-berichterstattung-wir-informieren-uns-zu- tode.996.de.html?dram:article_id=315464 (03.05.2015).

Pfister, Ralph (2010): Bild des Grauens – Proteste gegen Presse. Online unter: http://www.sueddeutsche.de/medien/loveparade-fall-fuer-presserat-bild-des-grauens-proteste-gegen- presse-1.980328 (03.05.2015).

Presserat (2015): Der Pressekodex. Online unter: http://www.presserat.de/pressekodex/pressekodex/#panel-ziffer_4       grenzen_der_recherche (03.05.2015).

Zeit-Online (2009): Presserat rügt Berichterstattung über Amokläufer von Winnenden. Online unter:

http://www.zeit.de/online/2009/22/winnenden-presserat (03.05.2015).

 

Bildnachweis: http://pixabay.com/de/film-tv-video-kamera-fotokamera-512132/

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Journalismus, Katastrophe, Germanwings, Airbus, A320, Haltern, Unglück, Absturz, Flugzeug, Co- Pilot, Berichterstattung, Medien, Nachrichten, Breaking News, Sensation, Qualität, Forschungsgruppe Medienwandel

Der Journalismus und die Frauen – ein schwieriges Verhältnis

23.02.2015. Ein Beitrag von Johanna Jung und Jennifer Woods für die Forschungsgruppe Medienwandel.

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Seit letztem Montag befindet sich mit Susanne Beyer erstmals eine Frau in der stellvertretenden Chefredaktion des Spiegels. Die Initiative ProQuote bezeichnet dies als „historischen Moment der Mediengeschichte“. Doch die allzu große Euphorie offenbart, dass es sich eher um eine Ausnahme handelt. Wie lautet also die Regel? Wie steht es aktuell um die Position der Frau im Journalismus?

Unterrepräsentiert und marginalisiert

Susanne Beyer ist eine von vielen kompetenten Frauen in der Branche und eine von wenigen, die Karriere machen. Die Kommunikationswissenschaft und insbesondere die verwandten Gender Studies erforschen dieses Phänomen seit Jahrzehnten. Lag der Anteil der deutschen Journalistinnen Ende der 1970er noch bei knapp 17 Prozent, stieg er Mitte der 1990er immerhin auf 31 Prozent an. So weit, so gut. Doch beide Erhebungen ergaben auch: Frauen sind eher in typisch weiblichen Ressorts (z.B. Mode) und kaum in Führungspositionen vertreten. 20 Jahre später scheint sich daran wenig geändert zu haben: Der Anteil aller deutschen Journalistinnen liegt derzeit wohl zwischen 37 und 47 Prozent. Die Ungenauigkeit und Unzuverlässigkeit aktueller Erhebungen ist zum einen auf mangelnde Repräsentativität und zum anderen auf unterschiedliche Definitionen der Berufsgruppe „Journalist/in“ zurückzuführen. Dennoch lässt sich festhalten: Journalistinnen sind nach wie vor eher unterrepräsentiert. Und das, obwohl seit 30 Jahren sogar etwas mehr als die Hälfte aller Absolventen und Berufseinsteigern weiblich sind. Wohin verschwinden sie also?

Journalismus, der (Substantiv, maskulin)

Viele Journalistinnen verabschieden sich nach der Familiengründung aus der Berufstätigkeit. Denn diese ist mit den harten Arbeitsbedingungen der Branche noch immer schlecht vereinbar. Überstunden, Wochenendarbeit, Kontaktpflege, mangelnde Teilzeitstellen und fehlende Betriebskindergärten schreien förmlich nach akuter Doppelbelastung. So kommt es, dass viele Journalistinnen die Karriereleiter erst gar nicht erklimmen oder lieber abspringen, sobald die biologische Uhr tickt.

Was ist mit denjenigen, die trotz Mutterschaft bleiben? Wibke Bruns, die erste Fernsehsprecherin Deutschlands hat es einmal so ausgedrückt: „Ich habe Freunde, ich habe Familie, ich koche gern – alles Dinge, für die du nie Zeit hast, wenn du in einer Führungsposition bist.” Privatleben sticht also Karriere, auch bei vielen kinderlosen Kolleginnen. Kommunikationswissenschaftlerinnen wie Johanna Schwenk oder Maja Malik erklären dies folgendermaßen: Eine klassische Karriere sei mit ihren harten, typisch männlichen Währungen wie Position, Einkommen und Macht für viele Frauen nicht erstrebenswert. Frauen würden ihren beruflichen Erfolg eher nach weichen, subjektiven Kriterien wie Selbstverwirklichung, Erfüllung und Verantwortung bewerten (vgl. Groll 2007: o. S.) Doch die berufliche Stagnation hat oftmals andere Gründe: Während viele gut ausgebildete Frauen vor Selbstzweifel und Zaghaftigkeit leicht auf der Stelle treten, klettern männliche Kollegen selbstbewusst an ihnen vorbei, sogar ohne gleichwertige Qualifikationen. Frauen geben sich nach dem klassischen Karriereverständnis also nicht nur mit weniger zufrieden, sie räumen netterweise auch noch das Feld.

Was ist denn aber nun mit den restlichen Journalistinnen? Mit denjenigen, die tatsächlich Karriereambitionen haben und sich ihrer Kompetenzen auch bewusst sind? Sie stoßen auf dem Weg nach oben auf den sogenannten Glass Ceiling-Effekt. Unter dieser „gläsernen Decke“ ist eine Art unsichtbare Barriere zu verstehen, die kompetente Frauen am beruflichen Aufstieg hindert. Die Stützpfeiler dieser Glasdecke sind unter anderem die männerdominierten Netzwerke der Branche. Da weibliche Mitglieder kaum vertreten sind und teilweise auch keinen Zugang haben, wird eher ein Kollege aus den eigenen Reihen rekrutiert. „Buddy-Beförderung“ nennt ProQuote-Vorstand Katrin Buchner diese Vorgehensweise. Und der Ausschluss führungsfähiger Journalistinnen setzt sich im Büro fort: Nach Professor Carsten Wippermann gibt es drei Männertypen, die die Karrieren ihrer Kolleginnen erschweren. „Der Konservative“ lehnt Frauen in seinen beruflichen Kreisen grundsätzlich ab. Zu fremd, zu anders sind sie ihm. „Der Emanzipierte“ hält Kolleginnen auf jeden Fall für qualifiziert, ist aber um ihre Standhaftigkeit bzw. Sensibilität besorgt. Der „Radikal Individuelle“ kann sich Frauen in leitender Position durchaus vorstellen, es gibt seiner Meinung nach jedoch einfach zu wenige, die sowohl qualifiziert, als auch authentisch und flexibel genug sind. Leere Vorbehalte oder berechtigte Bedenken? Der Journalismus ist maskulin, so viel steht fest.

Zukunft, die (Substantiv, feminin)

Bei ProQuote ist man sich einig: Die gläserne Decke muss weg. Anfang 2012 schickte die Initiative deshalb einen offenen Brief an rund 250 Chefredakteure, Verleger und Intendanten in ganz Deutschland. Mit über 300 Unterschriften deutscher Journalistinnen (und Journalisten!) forderte der Verband eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent für redaktionelle Führungspositionen auf allen Hierarchiestufen. Bis 2017 soll das Ziel erreicht werden. Ein Schlag gegen die gläserne Decke oder gegen die eigenen Reihen?

Anhänger der Initiative betonen, dass sich ohne Quote nun einmal zu wenig ändert. Trotz einiger Erfolge bräuchte der ersehnte Wandel nun einen “kräftigen Anstoß”, wie es Professor Wippermann formuliert. Zweifelsohne ist die Förderung weiblicher Entscheidungsträger im Journalismus überfällig, nehmen die Medien als “vierte Gewalt” doch enormen Einfluss auf die Meinungsbildung der Gesellschaft. Doch obwohl die Hälfte der Bevölkerung aus Frauen besteht,  zeichnen die Medien nach wie vor eine vorwiegend männliche Wirklichkeit, die von vorwiegend männlichen Kommunikatoren konstruiert wird. Der geforderte Frauenanteil von 30 Prozent in allen entscheidenden Positionen würde zumindest eine Annäherung an die gesellschaftlichen Gegebenheiten erwirken. Zudem bestätigt eine Studie von Ernst & Young, dass ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu einem angenehmeren Betriebsklima und zumindest statistisch gesehen zu mehr Erfolg führt. Die Zukunft ist also feminin, auch das steht fest.

Dennoch ist zu befürchten, dass die Frauenquote nur an der Oberfläche der soliden Glasdecke kratzt. Sie hievt ambitionierte Journalistinnen zwar auf den Chefsessel, stigmatisiert sie jedoch hinter ihrem Rücken als “Quotenfrauen”. Eine typische Frauenfreundschaft, könnte Mann nun sagen. Zudem kann all jenen Journalistinnen, die sich trotz höchster Eignung nun einmal für mehr Privatleben oder für einen Berufsausstieg entscheiden, keine Führungsposition aufgezwungen werden. Und sollte nicht ohnehin und gerade bei Spitzenpositionen lediglich die Qualifikation und Leistung einer Person über deren Einstellung oder Beförderung entscheiden? Durch die Frauenquote wechselt die Diskriminierung gewissermaßen nur das Geschlecht und erhebt dieses zudem zum obersten Einstellungskriterium. Was aber, wenn sich in typischen Männerresorts tatsächlich zu wenige geeignete und interessierte Frauen für eine Stelle finden? Niemand darf gezwungen oder nur aufgrund seines Geschlechts bevorzugt werden – auch Frauen nicht. Heike Göbel, von der FAZ weist außerdem darauf hin, dass eine Frauenquote die freie Marktwirtschaft beschränke. Denn wenn schon einmal Plätze reserviert werden, wieso nicht auch gleich für alle anderen diskriminierten Gruppen? (vgl. Göbel 2013: o. S.).  Migranten, Menschen mit Behinderung oder jenseits des mittleren Alters – auch sie haben schließlich ein Recht auf Mitbestimmung.

Die Zukunft des Journalismus

Wie sieht es also mit der Zukunft des Journalismus aus? Einen wichtigen Denkanstoß liefert der Differenzansatz der Gender Studies. Dieser erforscht unter anderem die Perspektiven von Journalistinnen und stellt folgende Frage: Machen Frauen einen anderen Journalismus? Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht interessiert an dieser Frage vor allem, inwiefern sich die Medienwelt durch einen Anstieg weiblicher Führungskräfte verändern könnte. Würde mehr Weiblichkeit zu mehr Qualität führen? Wäre die in den Medien konstruierte Wirklichkeit ein klein wenig realitätsgetreuer? Würden die Geschlechter keine Rolle mehr spielen, weil beide gleichermaßen vertreten wären? Dass die Beförderung Beyers zur neuen stellvertretenden Chefredakteurin des Spiegels überhaupt eine Nachricht wert ist, zeigt jedoch, wie weit dieser Wandel noch immer entfernt ist. Bleibt nur zu hoffen, dass die Frauenquote lediglich als Hammer dient, der nach dem Fall der letzten Scherbe wieder beiseite gelegt werden kann. Die Zukunft des Journalismus ist jedenfalls beides – maskulin und feminin.

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Verwendete Quellen:

Bartl, Marc (2015): Susanne Beyer in der „Spiegel“-Chefredaktion: ProQuote spricht von „historischem Moment“. Online unter: http://kress.de/tagesdienst/detail/beitrag/129787-susanne-beyer-in-der-spiegel-chefredaktion-proquote-spricht-von-historischem-moment.html (21.02.2015).

Groll, Tina (2007): Verschwunden auf dem Weg nach oben. Online unter: http://www.mediummagazin.de/archiv/journalistin/ausgabe-92007/verschwunden-auf-dem-weg-nach-oben/ (21.02.2015).

 Zeit Online (2012): Journalistinnen fordern 30 Prozent Frauen in den Medien. Online unter: http://www.zeit.de/karriere/beruf/2012-02/frauenquote-journalismus (21.02.2015).

Prantl, Heribert (2014): Schluss mit der Männerquote. Online unter: http://www.sueddeutsche.de/politik/einigung-bei-frauenquote-schluss-mit-der-maennerquote-1.2238750 (21.02.2015).

Steppat, Timo (2013): So kommt die Frau zum Chefsessel. Online unter: http://www.cicero.de/berliner-republik/journalismus-frauenquote-so-kommt-die-frau-zum-chefsessel/53903/seite/3 (21.02.2015).

Göbel, Heike (2014): Reservierte Plätze. Online unter: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/frauenquote-reservierte-plaetze-13288092.html (21.02.2015).

ProQuote (2014): Interview mit Chefredakteur von „krautreporter.de“: „Ein Versäumnis“. Online unter: http://www.pro-quote.de/interview-mit-chefredakteur-von-krautreporter-de-ein-versaeumnis/ (21.02.2015).

Klaus, Elisabeth (2002): Perspektiven und Ergebnisse der Geschlechterforschung in der Medien-und Kommunikationswissenschaft. In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis. Frauen in den Medien, 25. Jg., 61, S. 11-31.