Autor: forschungsgruppemedienwandel

Die Forschungsgruppe Medienwandel verabschiedet sich vorübergehend

08 ZeitungenDie Forschungsgruppe 2017/18 hat mit Ende des Wintersemesters ihre Projekte abgeschlossen. Grund genug, um unser Projekt nochmals Revue passieren zu lassen:

Im Laufe der letzten beiden Semester beobachtete eine elfköpfige Forschungsgruppe, bestehend aus Studentinnen und Studenten der Universität Salzburg, die Veränderungen in der heimischen und internationalen Medienwelt. Die Ergebnisse wurden als journalistische Beiträge auf dieser Website festgehalten. Von der Ernennung Donalds Trumps zum Präsidenten der USA und den Auswirkungen auf die Medienlandschaft, den hitzigen Debatten über Fake News bis hin zu den wirtschaftlichen Entwicklungen im öffentlichen und privaten Mediensektor wurde eine große Bandbreite von Themen behandelt.

Im Zuge des Projekts wurde auch empirisch geforscht: In fünf Teams untersuchten wir Problematiken zu aktuellen Themen. Zu den Themen zählten das Informationsverhalten Jugendlicher zwischen 16 und 20 Jahren, die Glaubwürdigkeit der Medien und die Informationsbeschaffung junger Erwachsener, der Lebenszyklus von Fake News, der Einsatz von Social Bots im britischen Unterhauswahlkampf 2017 sowie der Einsatz sozialer Netzwerke bei der deutschen Bundestagswahl 2017. Anstelle klassischer Seminararbeiten durften wir unsere Ergebnisse und Erkenntnisse in einer Sonderausgabe des Online Journals kommunikation.medien veröffentlichen.

Unsere fertigen Beiträge finden Sie auf der Website des Online Journals unter folgendem Link: http://eplus.uni-salzburg.at/JKM

Ein weiterer Höhepunkt unseres Projektes war die Podiumsdiskussion in Zusammenarbeit mit den Salzburger Nachrichten am 23. November 2017. Unter dem Motto „Fake News, Bots und digitaler Überfluss“ diskutierten renommierte Gäste wie Judith Denkmayr von der Rechercheplattform Addendum oder André Wolf von Mimikama, einem Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch, über den Wahlkampf im Netz und die Glaubwürdigkeit der Medien in Zeiten von Fake News.

Ein Nachbericht zur Veranstaltung finden Sie hier: https://forschungsgruppe-medienwandel.com/2017/12/07/fake-news-wer-einmal-luegt-dem-glaubt-man-weiterhin/

Bis sich die nächste Forschungsgruppe Medienwandel bildet, wird die Website ruhend gestellt.

Wir bedanken uns bei Dr. Josef Trappel für die hervorragende Betreuung der Forschungsgruppe sowie bei allen Leserinnen und Lesern der Website.

 

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Echt jetzt?! Wenn aus Satire Realität wird

„Endlich möglich: Baby-Hitler töten!“: Ist diese Meldung der Satire-Seite „Titanic“ auf den sozialen Netzwerken wirklich ein handfester Skandal? Der Vorfall steht beispielhaft für die Problematik von Satire auf Facebook, Twitter und Co.: Sie wird nicht von allen Usern als solche erkannt. Maßnahmen dagegen wären dennoch falsch.

Satire

Rechtzeitig vor Neujahrsansprache 2018: Van der Bellen beendet Neujahrsansprache 2017“ oder “Trump droht, jeden zu verspeisen, der an seiner geistigen Gesundheit zweifelt“: Mit solchen satirischen Meldungen bringen „Die Tagespresse“ und „Der Postillon“ tausende User zum Lachen, Liken und Sharen. Dass diese Kunstform auf sozialen Netzwerken nicht unproblematisch ist, zeigt folgendes Beispiel:

Das deutsche Satiremagazin „Titanic“ verbreitete im Oktober auf seiner Website sowie über seine sozialen Kanäle ein Foto von Sebastian Kurz. Der österreichische Bundeskanzler steht in einem unechten Fadenkreuz – darunter der Schriftzug „Endlich möglich: Baby-Hitler töten!“ (Link zur Twitter-Meldung: http://bit.ly/2ni8vZY). Der Beitrag, der die Politik von Kurz auf satirische Weise aufs Korn nimmt, sorgte bei den Usern nicht nur für Gelächter, sondern bei manchen auch für Empörung. Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft Berlin gegen das Satiremagazin. Der Vorwurf: Beleidigung und Aufforderung zu einer Straftat.

Satire: Problematisch aber unentbehrlich

Tim Wolff, der Chefredakteur von „Titanic“, macht sich wegen des Satire-Beitrags und seiner Folgen „keine Sorgen“. Der Rechtsanwalt für Medien- und Presserecht, Norman Buse, teilt diese Meinung. Er verweist auf den entscheidenden Faktor bei Satire: Den Kontext. Leser würden in einem solchen Beitrag keinen „ernstlichen Aufruf zur Verübung eines Angriffs oder Attentats“ erkennen. Genau hier liegt das Problem von satirischen Beiträgen und deren Veröffentlichungen auf sozialen Medien: Der Kontext des Inhalts ist nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar.

Satire-Inhalte auf Facebook, Twitter und Co. sind im News-Feed tausender User von ihrer Ursprungsquelle losgelöst. Die Folge: Manche Leser fassen die Satire-Meldungen – vermischt mit seriösen Nachrichten – nicht als humoristische Inhalte auf. Übersieht ein Nutzer die Angabe zum Verfasser eines Beitrags, bleibt für ihn der Kontext im Dunkeln. Solche User halten die Satire dann – wie im Fall des „Titanic“-Artikels – für einen handfesten Skandal.

Jedoch: Satire ist in einer Demokratie wichtig und schützenswert. Laut den Kommunikationswissenschaftlern Udo Göttlich und Martin R. Herbers kann unterhaltende Kommunikation „eine entsprechende öffentliche Rolle für die Orientierungsleistung eines Publikums einnehmen“. Eine Einschränkung von satirischen Inhalte auf sozialen Netzwerken wäre aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht falsch. Müsste Satire gar als solche gekennzeichnet werden, verlöre sie Witz und Wirksamkeit. Satirische Aufbereitung genießt den Schutz der freien Meinungsäußerung und muss höher gewichtet werden als die möglichen negativen Folgen von Satire für spaßbefreite Bürger auf Facebook, Twitter und Co. Auch wenn diese Güterabwägung gelegentlich Probleme mit sich bringen kann, Satire ist auf sozialen Netzwerken unentbehrlich. Echt jetzt!

Von Katharina Maier und Christian Hetzenauer

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Quellen:

Der Postillon (2018): Trump droht, jeden zu verspeisen, der an seiner geistigen Gesundheit zweifelt. Online unter: http://www.der-postillon.com/2018/01/trump-sane.html (26.1.2018).

derStandard (2018): „Baby-Hitler töten!“: „Titanic“ nach Kurz-Satire im Visier der Justiz. Online unter: https://derstandard.at/2000072791246/Baby-Hitler-Kurz-toeten-Titanic-im-Visier-der-Justiz (23.1.2018).

DieTagespresse (2017): Rechtzeitig vor Neujahrsansprache 2018: Van der Bellen beendet Neujahrsansprache 2017. Online unter: https://dietagespresse.com/rechtzeitig-vor-neujahrsanprache-2018-van-der-bellen-beendet-neujahrsanprache-2017/ (26.1.2018).

Göttlich, Udo/Herbers, Martin R. (2017): Die Freiheiten des Jan Böhmermann. In: Lehmann, Maren/Tyrell, Marcel (Hg.): Komplexe Freiheit. Wie ist Demokratie möglich? Wiesbaden: Springer VS, S. 73-89.

 

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Es hörte sich nach Schleichwerbung an..

Transparenz, Gewissenhaftigkeit, Kennzeichnung – drei Begriffe, die im öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF großgeschrieben werden. Ein Gewinnspiel des Radiosenders Ö3 könnte dem ORF jetzt teuer zu stehen kommen. Der Vorwurf: Schleichwerbung.

radio-2344175_1920Gewinnspiele sind beliebt, besonders dann, wenn Geld im Spiel ist. Im September 2011 veranstaltete der Radiosender Ö3 gemeinsam mit den Österreichischen Lotterien ‚Das große Lotto-Zusatzzahlenspiel im Hitradio Ö3‘. Der Kooperationsvertrag zwischen Lotterien und Sender beinhaltete Produktplatzierungen im Wert von 206.550 Euro, sowie ein Preisgeld von 300.000 Euro. Zusätzlich vereinbarten die Vertragspartner die namentliche Nennung der Lotterien in jeder Spielrunde. Diese sogenannten ‘Ö3-Items’ wurden jedoch zu häufig eingesetzt und gelten somit als Schleichwerbung. Ö3 kündigte das Gewinnspiel, nicht wie vertraglich vorgesehen, 30 mal an, sondern insgesamt 60 mal.

15 Privatradios meldeten ein mögliches Vergehen des ORF bei der Medienbehörde KommAustria. Diese entschied im Jahr 2013, dass es sich ausschließlich um Product Placement handle. Die Privatradios erwirkten daraufhin ein Verfahren gegen Ö3 beim Verwaltungsgerichtshof und zeigten den Sender an. Der Verwaltungsgerichtshof hob den Bescheid der KommAustria auf und begründete dies damit, dass für den ORF ein ungerechtfertigter, wirtschaftlicher Vorteil entstand.

Das Höchstgericht entschied in einem Verfahren Anfang 2018, dass es sich um eine Verletzung des Schleichwerbeverbots handelte. Dem ORF droht nun, neben der an Product-Placement verrechneten Summe, auch das ausgespielte Preisgeld abführen zu müssen.

Radio- und Fernsehsender sowie Presse- und Internetunternehmen müssen bei ihren Tätigkeiten ein sogenanntes ‘Trennungsgebot’ beachten. Das heißt, sie müssen den redaktionell gestalteten Teil des Programms oder der Zeitung eindeutig vom werbenden Teil trennen und kennzeichnen. Dieser Trennungsgrundsatz ist sowohl im österreichischen Mediengesetz, als auch explizit im ORF-Gesetz verankert. Durch diese Verpflichtung soll Schleichwerbung ausgeschlossen werden.

In den letzten Jahren vollzog sich im Mediensystem ein Wandel hin zu verstärkter Ökonomisierung und Kommerzialisierung – dieser Prozess erreichte auch den ORF und seine Hörfunksender. Die zunehmende private Konkurrenz im Radio-Werbemarkt bedeutet sinkende Werbeeinnahmen für Öffentlich-Rechtliche – und damit zusätzlichen finanziellen Druck. Privatradios und -fernsehsender können ihre Werbeslots günstiger anbieten und nehmen dem ORF wichtige Einnahmequellen weg. Um auf dem Werbemarkt mithalten zu können, ist der ORF auf Kooperationsverträge, wie jenen mit den Österreichischen Lotterien, angewiesen.

Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist das Vorgehen des ORF zu kritisieren, da im ORF-Gesetz die Kennzeichnungspflicht von Werbung klar definiert ist. Schleichwerbung ist verboten, Medienunternehmen dürfen sich nicht dem Druck der Werbewirtschaft beugen und dagegen verstoßen. Die Profitorientierung und die gesellschaftlichen Aufgaben öffentlich-rechtlicher Medien stehen in einem spannungsgeladenen Verhältnis. Sender haben ihren Hörern gegenüber Verantwortung und dürfen sie nicht mit versteckter Manipulation in die Irre führen. Die verschleierte Werbung des Radiosenders Ö3 ist daher auch aus medienethischer Sicht bedenklich. Das Publikum muss klar erkennen können, wo Werbung anfängt und wo sie aufhört.

Der ORF hätte sich in diesem Fall viel Ärger und Geld sparen können. Die korrekte Angabe von Produktplatzierungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurde bereits 2010 im Medienpaket festgelegt. Fast sieben Jahre später muss der ORF mit den Spätfolgen seiner unsauberen Arbeitsweise umgehen und sich der Kritik stellen. Die diesbezüglich Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes: überfällig und richtig.

Von Nadine Kleinbauer und Martin Oberbichler

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Quellen:

Bender, Markus (2012): Ethische ansprüche an Radioprogramme. Eine Bestandsaufnahme. Unveröffentlichte Bachelorarbeit, Hochschule Mittweida.

DerStandard.at (2018): ORF muss bis zu halbe Million wegen Schleichwerbung auf Ö3 zahlen. Online unter: http://derstandard.at/2000071916412/Hoechstgericht-ORF-muss-halbe-Million-wegen-Schleichwerbung-auf-Oe3-zahlen (15.01.2018).

Kurier (2013): ORF unter Schleichwerbung-Verdacht. Online unter: https://kurier.at/wirtschaft/orf-unter-schleichwerbung-verdacht/85.742.400 (20.01.2018).

Marciniec, Florian (2018): Rundfunk. Schleichwerbung im Radio kann Bußgeld nach sich ziehen. Online unter: https://www.e-recht24.de/news/marketing-seo/2015-10-08-14-03-59.html (15.01.2018).

Meier, Werner A./Jarren, Otfried (2001): Ökonomisierung und Kommerzialisierung von Medien und Mediensystem Einleitende Bemerkungen zu einer (notwendigen) Debatte. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 49. Jg. H. 2, S. 145-158.

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Die „Schande der Nation“ steht unter Beschuss

Mit der heftigen Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sendern seines Landes ließ Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kürzlich aufhorchen. Seit Langem werfen Kritiker den Sendern minderwertige Programme und zu hohe Ausgaben vor. Generell wandert France Télévisions auf einem schmalen Grat zwischen Unabhängigkeit und Staatsnähe.

dues-2731627_1920Bei einer Sitzung seiner Partei ‚La République en marche‘ (LRM) habe Macron die öffentlich-rechtlichen Sender als „Schande der Nation“ bezeichnet. Bereits 2018 plant er Einsparungen für France Télévisions über mehrere Dutzend Millionen Euro.

Kritiker bemängeln die Umsetzung des Programms der Sender schon länger. Ihre weiteren Vorwürfe: schlechte Verwaltung, Verschwendung der Mittel oder Vetternwirtschaft zwischen den Redaktionen.

Vorbild für den französischen Rundfunk war das britische BBC-Modell: ein gebührenfinanzierter, öffentlich-rechtlicher Rundfunk mit dezentraler Struktur. Der Inbegriff des unabhängigen Journalismus. Der starke Zentralismus in Frankreich hat jedoch dazu geführt, dass der dortige service public (öffentlich-rechtlicher Rundfunk) immer nah an der Staatsmacht angesiedelt war und ist. So hat etwa der Staatspräsident das Recht, den Direktor von France Télévisions zu ernennen. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy wollte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk 2009 werbefrei machen. Diese (mittlerweile widerrufene) komplette Werbefreiheit hätte die privaten Mitbewerber gestärkt und diese mit einem Werbemonopol ausgestattet.

France Télévisions S.A. entstand 2000 als Holding der öffentlichen Fernsehsender, eine Aktiengesellschaft unter staatlicher Kontrolle. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern gibt es in Frankreich einen gravierenden Unterschied: France Télévisions gehört zu 100 Prozent der französischen Republik. Zusätzlich finanziert sich France Télévisions durch Rundfunkgebühren. Die Gebühren werden in Frankreich über das Finanzministerium als Steuern eingehoben.

Nicht überall in Europa gibt es unabhängige öffentlich-rechtliche Sender. Rasch werden diese mit dem Begriff ‚Staatsfunk‘ in Verbindung gebracht. Richtiger Staatsfunk heißt jedoch: Es wird im Auftrag des Staates gesendet. In Europa sind derzeit, so Medienwissenschaftlerin Barbara Thomaß, die Öffentlich-Rechtlichen in Polen und Ungarn am nächsten am Modell des Staatsfunks angelehnt. Gesendet werde, was die Regierung haben möchte.

Rundfunk-Unabhängigkeit ist ein für die Demokratie unverzichtbarer Wert. Unabhängigkeit erfordert eine ständige offene und gezielte Auseinandersetzung mit machtpolitischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten im Bereich des öffentlichen Rundfunks. Politische Unabhängigkeit gilt als Grundprinzip öffentlich-rechtlicher Sender und bedingt auch die Erfüllung ihres Programmauftrags. Medien sind prägend für die Gestaltung öffentlicher Kommunikation. Sie stellen den Bürgern ihre Beobachtungen zur Verfügung, auf deren Grundlage diese ihre eigene Meinung bilden können. Die Berichterstattungen der Medien sollten deshalb so unvoreingenommen und vielfältig wie möglich sein. Befangene Medien können ihren demokratischen Funktionen nicht gerecht werden, weil die kritische Distanz zu Machthabern oder Geldgebern nicht mehr vorhanden ist. Dies gilt auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk – daher muss er von staatlichem und politischem Einfluss befreit werden. Nur so können Sender eine unabhängige Berichterstattung und ein vielfältiges und qualitatives Programm gewährleisten.

Macrons vermeintlicher Angriff auf die öffentlich-rechtlichen Sender in Frankreich zeigt die Problematik auf: Obwohl das Zitat nicht belegt ist, wird der politische Journalismus durch die öffentliche Debatte abgewertet. Grundsätzlich sollte ein Staatsoberhaupt Distanz wahren und sich nicht indiskret über medienpolitische Reformen äußern. Ein derartiges Verhalten schürt das Misstrauen und die Unzufriedenheit der Gebührenzahler gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen nur noch mehr.

Von Nadine Kleinbauer und Martin Oberbichler

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Quellen:

Altwegg, Jürg (2017): Eine Schande der Republik. Online unter:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/schande-der-republik-macron-setzt-frankreichs-sender-auf-diaet-15328049.html (11.12.2017).

Ifm – Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (2017): 54. France Télévisions S.A. Online unter: https://www.mediadb.eu/de/datenbanken/internationale-medienkonzerne/france-televisions-sa.html (11.12.2017).

Standard (2017): ORF – Betriebsrat verärgert über finanzielles ‚Drohszenario‘. Online unter:http://derstandard.at/2000061216478/ORF-Betriebsrat-veraergert-ueber-finanzielles-Drohszenario (11.12.2017).

Thomaß, Barbara/Radoslavov,Stoyan (2016): Unabhängigkeit und Staatsferne – nur ein Mythos? Online unter: http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/medienpolitik/172237/unabhaengigkeit-und-staatsferne-ein-mythos (03.01.2018).

Thomaß, Barbara (2017): Was ist „Staatsfunk“? Online unter: http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/rundfunk-107.html (28.12.2016).

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Netzwerkdurchsetzungsgesetz: Jetzt wird gelöscht

Seit 1. Januar 2018 ist das Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken, kurz NetzDG, in Deutschland in Kraft. Kaum zwei Wochen alt, gibt es die ersten Forderungen nach Abschaffung dieses Gesetzes.

Foto_NetzDG

Anbieter sozialer Netzwerke sind seit Anfang des Jahres verpflichtet „offensichtlich rechtswidrige Inhalte“ innerhalb von 24 Stunden nach Eingang einer Beschwerde zu entfernen oder zu sperren. Eine Frist von sieben Tagen gibt es für Inhalte, die nicht so leicht zu erkennen sind. Die Mitarbeiter von Twitter, Facebook und Co. müssen allerdings nicht selbst auf die Suche nach Inhaltsverletzungen gehen, es reicht wenn sie auf Beschwerden reagieren. Sollten die Plattformbetreiber der Forderung wiederholt und systematisch nicht nachkommen, dann drohen Bußgelder bis zu 50 Millionen Euro.

Wenige Tage nach Einführung des Gesetzes wurde der Twitter Account der Satire Zeitschrift „Titanic“ gesperrt. Das Magazin hatte einen umstrittenen Beitrag der AfD-Politikern Beatrix von Storch parodiert. Dabei wurde der Begriff „Barbarenhorden“ verwendet. Durch diese ersten Sperrungen sehen sich Kritiker des Gesetzes, wie bereits im Artikel vom 15.7.2017 berichtet,  bestätigt. Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) sieht durch diese Sperrung seine Befürchtung erwiesen, dass die Betreiber in vorauseilendem Gehorsam in Zweifelsfällen lieber löschen oder sperren, was letztlich zur Einschränkung der Meinungsfreiheit führt. Markus Beckedahl von netzpolitik.org befürchtet, dass dieses Gesetzt denjenigen eine zentrale rechtsstaatliche Verantwortung übertragen wird, die in ihrer Macht eigentlich beschränkt werden sollten und um sich nicht strafbar zu machen. Die Opposition fordert die Abschaffung des Gesetzes, spricht sogar von „Zensurgesetz“ und „Stasi Methoden“.

Das Gesetz verlangt einen halbjährlichen Bericht von den Plattformbetreibern, über die gesperrten oder gelöschten Inhalte auf ihren Seiten. Damit soll Transparenz geschaffen werden und die Wirksamkeit des Gesetzes beurteilt werden. Regierungssprecher Steffen Seibert: „Es müsse sehr genau evaluiert werden, wie sich das Gesetz auswirkt und welche Erfahrungen gemacht werden, die grundgesetzlich geschützte Meinungsfreiheit sei dabei von allerhöchstem Wert“.

Die Anbieter von sozialen Netzwerken reagieren mit unterschiedlichen Maßnahmen auf das neue Gesetz. Twitter hat zusätzliche Fachkräfte eingestellt, die gemeldete Inhalte überprüfen und gegebenfalls löschen. Auf Twitter wird das Melden eines fragwürdigen Posts einfach gemacht: Den Beitrag auswählen, im Menü auf die Option „Melden“ und später auf „Fällt unter das Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ klicken. Danach bekommt man eine Liste mit potentiellen Vergehen angezeigt, die unter das NetzDG fallen. Facebook betreibt zwei Löschzentren in Berlin und Essen mit rund 1700 Mitarbeitern.  In einer Aussendung  der Pressesprecherin von Facebook heißt es: „Wir haben unsere Mitarbeiter in den für Deutschland zuständigen Teams geschult, um gemeldete Inhalte entsprechend der gesetzlichen Bestimmungen bearbeiten zu können. Facebook prüft jede NetzDG-Meldung sehr sorgfältig, bei Bedarf auch mit juristischem Sachverstand.“

Durch die Angst vor den hohen Strafen wird es in den nächsten Wochen zu  weiteren fragwürdigen Sperrungen von Inhalten kommen.  Die Folgen des Gesetzes gilt es  genau im Auge zu behalten. Denn dieses wurde aus einem einzigen Grund eingeführt – um Hassbotschaften in sozialen Netzwerken zu minimieren. Doch wen hat die Netzwerksperre als erstes getroffen? Ein Satiremagazin, das davon lebt, Ereignisse und Aussagen humorvoll und überspitzt darzustellen. Eine Überarbeitung des Gesetzes mit genaueren Definitionen bzw. Entscheidungsträger über die Rechtmäßigkeiten von Inhalten muss deshalb an der Tagesordnung der neuen Regierung stehen. Denn das Gut der Meinungsfreiheit hat oberste Priorität.

Von Kati Markut und Christian Guter

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Quellen:

Süddeutsche Zeitung (2018): Drum prüfe, was sich findet. Online unter: http://www.sueddeutsche.de/politik/soziale-netzwerke-drum-pruefe-was-sich-findet-1.3817140

Süddeutsche Zeitung (2018): Internetgesetz gegen Hassrede. Online unter: http://www.sueddeutsche.de/news/service/internet-gesetz-gegen-hassrede—was-soll-und-was-kann-es-bewirken-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-180108-99-550715

Wikipedia (2018): Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Online unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Netzwerkdurchsetzungsgesetz

Die Zeit (2018): Was Sie über das NetzDG wissen müssen. Online unter:  http://www.zeit.de/digital/internet/2018-01/netzwerkdurchsetzungsgesetz-netzdg-maas-meinungsfreiheit-faq

Ntv (2018): 50 Beschwerden zum NetzDG eingegangen. Online unter: https://www.n-tv.de/politik/50-Beschwerden-zum-NetzDG-eingegangen-article20221836.html

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Der Verlierer im Fußball: die klassischen Medien

Auf eigenen Videoportalen der Fußballvereine erhalten Fans zu jeder Zeit Informationen über ihre Mannschaften. Sowohl im Digitalfernsehen als auch im Internet werden Talkshows, Interviews und Analysen gezeigt. Die Vereine wollen damit ihr öffentliches Bild zunehmend selbst bestimmen. Den Sportjournalismus stellt diese Entwicklung jedoch vor einige Herausforderungen.

Bild DACH-Artikel_Frank Rafschneider

Real Madrid, Borussia Dortmund, 1. FC Köln, Manchester United und seit Anfang des Jahres auch Bayern München: diese Fußballvereine betreiben ihren eigenen Vereinssender. Die Fans haben sowohl im Digitalfernsehen als auch im Internet die Möglichkeit, zu jeder Zeit Informationen über ihren Verein zu erhalten. Inhalte wie Talkshows, Pressekonferenzen, Spiel-Highlights und Interviews sind dauerhaft zugänglich – für sechs Euro im Monat. Das Ziel der Vereine mit den eigenen Sendern besteht darin, die Fans mit denjenigen Informationen zu versorgen, die die Vereine selbst aussuchen.

Die eigenen Vereinssender haben weitreichende Folgen für den Sportjournalismus. Sportredaktionen befinden sich durch die Angebote der Vereine in einem Umbruch. Die Fans sollen die eigenen Inhalte auf der Vereinsseite anklicken und konsumieren. Um dies zu erreichen, schotten die Vereine die Spieler ab und erschweren den Zugang zu den Spielern. So haben die Journalisten immer weniger die Möglichkeit, mit Spielern und Trainern zu reden und kritische Fragen zu stellen. Dies birgt die Gefahr einer vereinsdominierten Kommunikation. Die Vereine liefern ihren Fans nur noch eigens produzierte Nachrichten, um sich und ihre Ziele besonders gut darzustellen. Wohin diese Entwicklung führen kann, sieht man in England mit der Premier League oder den USA mit der NBA und NFL. Nicht selten sperren Vereine Journalisten ganz aus.

Für die klassischen Fernsehsender sehen die Vereine selbst jedoch keine Probleme. „Wir würden keine Dinge exklusiv bei FC.TV machen und das dann nicht anderen auch zur Verfügung stellen. Im Gegenteil: Wir bieten sehr, sehr viel Footage auch für TV-Sender an“, sagt Tobias Kaufmann vom 1. FC Köln. Die Fernsehsender machen von diesem Angebot unterschiedlich Gebrauch. Denn durch die Verwendung von Inhalten der Vereinssender steht die journalistische Unabhängigkeit auf dem Spiel. Während Sky nur auf eigenes Material zurückgreift, zeigt das ZDF Vereinsmaterial unter der Bedingung, dass diese Inhalte auch gekennzeichnet werden.

Eine Win-Win-Situation, wie es sie früher noch für Sportjournalisten und Fußballvereine gab, ist das nicht mehr. Mit Hilfe der sozialen Medien erreichen die Sportvereine ihre Fans zwar besser und schneller, versorgen sie allerdings nur mit bestimmten Informationen, um den Verein besser vermarkten zu können. Thomas Horky, Professor für Sportjournalistik an der Hamburger Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, sieht diese Entwicklung mit Sorge: „Dadurch wird die Arbeit unabhängiger Medien verhindert. Das ist Nichtjournalismus.“ Die Digitalisierung und die steigende Mobilnutzung führen dazu, dass die klassischen Medien für die Vereine an Wert verlieren. Eine unabhängige Berichterstattung ist damit nicht mehr gesichert. Dabei sind hier nicht nur die Journalisten betroffen, sondern vor allem die Leser und Fans. Sie können nur noch schwer unterscheiden, welche Inhalte von den Pressestellen der Vereine kommen und welche von echten Reportern. Damit verändert sich auch die Medienlandschaft. Klassische Medien verlieren ihre Gestaltungsmacht, die Vereine sind nicht mehr abhängig und können sich selbst an die Öffentlichkeit wenden. Eine dominierende Macht der Gatekeeper in Gestalt der klassischen Massenmedien gibt es dann nicht mehr.

Von Lea Frank und Julia Rafschneider

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Quellen:

Jungblut, Matthis (2017): Fußball-TV. Herausforderungen für den Sportjournalismus. Online unter http://www.deutschlandfunk.de/fussball-tv-herausforderungen-fuer-den-sportjournalismus.2907.de.html?dram:article_id=402255

Spiller, Christian (2017): Wenn Fußballklubs sich selbst interviewen. Online unter: http://www.zeit.de/sport/2013-11/fussball-klubtv-journalismus-fcbayern (23.12.2017).

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Der ORF und die Gebühren: Hier fehlt der Mut, dort das Verständnis

Der ORF muss sich nicht nur um die Politik sorgen, sondern auch um sein Image bei den Gebührenzahlern. Der öffentlich-rechtliche Auftrag spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Gesamtanlage_ORF-Zentrum_Küniglberg_EingangsansichtEs sind unruhige Zeiten am Küniglberg. Im Regierungsprogramm widmen ÖVP und FPÖ der Medienpolitik drei Seiten, Details eines neuen ORF-Gesetzes sind darin nicht enthalten. Fest steht bislang, dass sich der ORF verstärkt auf österreichische Inhalte konzentrieren soll. Im neuen Regierungsprogramm ist in diesem Zusammenhang die Rede von einer „Schärfung des öffentlich-rechtlichen Auftrags“. Im digitalen Bereich drohen dem Sender finanzielle Einbußen zugunsten der Privatsender: Der neue Medienminister Gernot Blümel (ÖVP) will eine gemeinsame Online-Vermarktungsplattform für ORF und private Medien. Wie die genau aussehen soll, ist noch nicht bekannt. Den Chefsessel im Stiftungsrat bekommt die FPÖ mit Norbert Steger.

Sorgen machen sollte sich der ORF aber nicht nur wegen der neuen Regierung, sondern auch wegen der Gesellschaft. Denn die versteht immer weniger, warum sie  Rundfunkgebühren zahlen soll. Um nachmittags stundenlang amerikanische Sitcoms sehen zu können? Eher nicht. Die Skepsis gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk schlägt sich in den Einschaltquoten nieder. Mit einem Marktanteil von 33 Prozent (Teletest 2016) sind ORF 1 und ORF 2 zwar immer noch deutlich an der Spitze der heimischen Rundfunklandschaft, allerdings profitiert die ProSiebenSat1Puls4-Gruppe durch die Fusionierung. Auch wenn die Einschaltquoten im Vorjahr nur zwischen 2,5 Prozent (ATV) und 4,6 Prozent (ProSieben) lagen, bringt der Zusammenschluss von Puls 4 und ATV weitere Vorteile am Werbemarkt. Indes verliert der ORF an Zusehern, wie die Teletest-Zahlen der letzten Jahre zeigen.

Gleichzeitig scheint auch so mancher Politiker die Funktion eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht verstanden zu haben: So fordern die NEOS etwa, dass der ORF aus dem Staatsbudget finanziert werden solle, wie in den Niederlanden. Aus demokratiepolitischer Sicht wäre das eine Torheit. Wenn der Staat das Fernsehen direkt finanziert sind der politischen Einflussnahme Tür und Tor geöffnet, Distanz geht verloren.

Umgekehrt wäre es falsch, den ORF zu privatisieren. Er wäre damit unmittelbar vom Werbemarkt abhängig. Die Quote würde noch mehr zur handlungsleitenden Maxime und Nischenprogramme könnten allmählich verschwinden. Dabei sollte der ORF die Bevölkerung in ihrer Vielfalt abbilden, also nicht nur die Mehrheit der Bevölkerung widerspiegeln, sondern eben auch Minderheiten und jene Bevölkerungsgruppen, die in den Medien unterrepräsentiert sind.

Dass die Popularität des ORF in Gefahr gerät liegt aber nicht an der Gesellschaft, sondern am ORF. Wenn parteipolitische Machtkämpfe in den Organisationsstrukturen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ausgetragen werden und der Bürger dafür zahlen muss, darf man sich nicht wundern, dass das Vertrauen verloren geht. Wenn zudem jene Inhalte, die dem Bildungsauftrag entsprechen, in Spartensendern versteckt werden, um die Quote im Hauptprogramm zu halten, tut sich der Zuseher schwer, den ORF noch von kommerziellen Anbietern zu unterscheiden.

Das ist schade, hätte doch der ORF das Potential, die Gebührenfinanzierung zu rechtfertigen. Journalistische Qualität alleine wird aber nicht genügen, um das Image aufzubessern. Vielmehr sollte der ORF mit Mut und Selbstbewusstsein zeigen, wie wichtig öffentlich-rechtliche Inhalte für eine funktionierende Demokratie sind – die müssen dann aber auch in den Wohnzimmern der Österreicher landen.

Von Christian Hetzenauer und Katharina Maier

Foto: CC-BY-SA 3.0/Thomas Ledl, abrufbar hier.

Quellen:

Arbeitsgemeinschaft Teletest (2017): TV MA Sender 2016. Online unter http://www.agtt.at/show_content.php?sid=23

DerStandard.at (2017): Die türkis-blaue Zuversicht des ORF-Generals. Online unter http://derstandard.at/2000069768642/Die-tuerkis-blaue-Zuversicht-des-ORF-Generals?ref=sp_whatsapp

DerStandard.at (2017): „Verschärfte“ Regeln für ORF-Journalismus, neue Medienbehörde: Die Medienpläne von ÖVP und FPÖ Online unter derstandard.at/2000070497094-1216919032678/Verschaerfte-Regeln-fuer-ORF-Journalismus-neue-Medienbehoerde-Google-Steuer-Medienplaene

DerStandard.at (2017): ORF-Stiftungsrat unter blauer Führung. Online unter http://derstandard.at/2000070456328/ORF-Stiftungsrat-unter-blauer-Fuehrung

Neue Volkspartie Österreich/ Freiheitliche Partei Österreich (2017): Zusammen. Für unser Österreich. Regierungsprogramm 2017-2022. Online unter file:///C:/Users/kmaier/Downloads/Regierungsprogramm%20(1).pdf

 

 

Willkürliche Netzsperren bedrohen Meinungsfreiheit

Die Zahl der Netzsperren hat sich seit 2015 mehr als verdreifacht. Asiatische Länder blockieren das Internet besonders häufig – Spitzenreiter ist die Volksrepublik China.

Bild Netzsperren_WELT_Gruppe 4Weltweit blockieren Regierungen immer öfter Internetseiten, deren Inhalte sie für untragbar halten. Laut dem neuen UNESCO-Bericht „Weltweite Trends – Meinungsfreiheit und Medienentwicklung“ wurde das Internet seit 2016 in 116 Fällen blockiert, davon 61 Blockaden im Jahr 2017 – 43 Sperren mehr als zwei Jahre zuvor.

Besonders China, Indien und Pakistan fielen durch häufige Sperrmaßnahmen negativ auf. Die VR China hat zum Parteitag Mitte Oktober die Zensur im Internet und in den sozialen Medien erneut intensiviert. Facebook, Twitter und YouTube sowie Google-Dienste und Zeitungen wie die “New York Times” und chinakritische Webseiten sind für die Bürger der Volksrepublik nicht mehr zugänglich.

„Die Kommunikations- und Informationsfreiheit steht in vielen Ländern der Welt unter Druck. Regierungen überwachen zunehmend den Informationsfluss, fordern die Sperrung von Inhalten oder sperren diese selber. Das ist schädlich für die Entwicklung von Gesellschaften”, so Professor Wolfgang Schulz, Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission und Direktor des Hans-Bredows-Institut für Medienforschung in Hamburg. Transparenz und Kooperationsbereitschaft seitens der Plattformanbieter wären erforderlich. Nicht immer ist klar, nach welchen Regeln Inhalte gelöscht werden und wie Nutzer darauf reagieren können.

Auch die ISPA (Internet Service Providers Austria) erwartet global einen Trend zu mehr Netzsperren. Häufig verhängen Regierungen solche Sperren und Gerichte bleiben außen vor. Selbst in Österreich und anderen europäischen Länder kommen Fälle von Netzsperren vor. In Österreich entscheiden die Provider selbst, welche Internetseiten sie sperren. Maximilian Schubert, Generalsekretär der ISPA, äußert sich besorgt über diesen Zustand: „Es ist äußerst unerfreulich, dass es auch nach über 10 Jahren heftiger Diskussion noch immer keine zwingende gesetzliche Grundlage für eine Entscheidung über Netzsperren durch ein Gericht gibt und Provider damit in die Rollen von Richter und Henker gedrängt werden“. Die ISPA fordert in Österreich eine gesetzliche Regelung, die Rechtssicherheit und Transparenz gewährleistet und die Entscheidung über Sperren ausschließlich einem Gericht überlässt.

Dabei birgt das Internet hohes Potenzial für die Meinungsfreiheit. Es bietet eine nie dagewesene Vielfalt an Information, was neue Möglichkeiten der Partizipation eröffnet. Netzsperren bedrohen die Meinungsfreiheit. Dieses Menschenrecht sollte weltweit für das Internet und alle Arten von neuen Medienplattformen respektiert und durchgesetzt werden, die zu Entwicklung, Demokratie und Dialog beitragen. Wer sich zu den Menschenrechten bekennt, für den gibt es keine Netzsperren, die nicht gerichtlich abgeordnet sind.

Von Julia Rafschneider und Lea Frank

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Quellen:

faz.net (2017): Unesco-Bericht. Immer mehr Internetsperren durch Regierung. Online unter http://www.faz.net/aktuell/politik/unesco-bericht-immer-mehr-internetsperren-durch-regierungen-15279333.html (04.12.2017).

ISPA (2017): Neues OGH-Urteil heizt Debatte über Netzsperren an. Online unter https://www.ispa.at/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-detailansicht/presseansicht/detail/neues-ogh-urteil-heizt-debatte-ueber-netzsperren-an/pseite/1/pjahr/2015.html

netzpolitik.org (2017): China: Parteitag bedeutet Zensur, Festnahmen, Hausarreste. Online unter: https://netzpolitik.org/2017/china-parteitag-bedeutet-zensur-festnahmen-hausarreste/ (04.12.2017).

unesco.de (2017): UNESCO-Weltbericht. Anstieg von Internetsperren durch Regierung weltweit. Informationszugang und Meinungsfreiheit bedroht. Online unter https://www.unesco.de/kommunikation/2017/unesco-weltbericht-anstieg-von-internetsperren-durch-regierungen-weltweit.html (04.12.2017).

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„Here we go again“ – CNN Money: Ein neuer privater Anbieter in der Schweiz

Bereits im Januar 2017 wurde das Vorhaben in der Schweiz angekündigt. Nun liegen Details zum Sendestart vor. Ab 24. Jänner 2018 soll der Business-TV-Sender CNN Money ausgestrahlt werden. Privates Nachrichtenfernsehen geht in die nächste Runde.

SChweizDer Name ist Programm: Was am Finanzmarkt passiert, darüber berichtet in Zukunft der englischsprachige Sender CNN Money. Der Unterschied zum Lizenzgeber CNN International: Breaking News stehen nicht im Mittelpunkt. „Wir bringen Geschichten für Leute, die sich dafür interessieren, was in der Schweiz passiert und über Nachrichten, die Auswirkungen auf die Schweiz haben“, erklärt der Chefredakteur Urs Gredig. CNN Money ist eine private Firma mit Sitz in Lausanne.

Private TV-Anbieter hatten es im Schweizer Markt bisher schwer. Erfolg haben sich viele erhofft, behaupten konnten sich bislang nur wenige. Der Grund dafür dürfte in der schweizerischen Marktkonstellation liegen, so die Expertin Suzanne Lischer. Schon der erste private Businesssender und Pionier seiner Zeit, der European Business Channel, stellte 1988 schon nach wenigen Monaten den Betrieb wieder ein. Grund: mangelndes Zuschauerinteresse. Auch die weiteren Versuche sprachregionaler TV-Sender, TV3 und Tele24, scheiterten 2001 an der Refinanzierung. „Sie haben ein volles Programm mit Eigenproduktionen und Nachrichtensendungen angeboten, was sich im Schweizer Medienmarkt nicht finanzieren lässt“, ließ sich der Medienwissenschaftler Björn von Rimscha, damals an der Universität Zürich, in der Gratiszeitung 20 Minuten zitieren.

2006 wurde mit 3+ TV ein weiterer Versuch gestartet, einen privaten TV-Kanal in dem Schweizer Kabelnetz einzurichten. Bislang ist der relativ kleine Sender erfolgreich und erzielt laut eigenen Angaben schwarze Zahlen – mit selbst produzierten Inhalten aber ohne eigene Nachrichtensendungen, denn die wären laut von Rimscha zu teuer.

Seit 2007 erleichtert das Schweizer Radio- und Fernsehgesetz den Markteinritt für private Rundfunkveranstalter. Sender, die auf öffentliche Subventionen und auf einen garantierten Sendeplatz im Kabelnetz verzichten, brauchen keinen umfassenden Leistungsauftrag und keine Konzessionsauflagen erfüllen. Eine Gründungswelle hat dieses vereinfachte Verfahren trotzdem nicht ausgelöst, so Martin Dumermuth, der Direktor des Bundesamtes für Justiz in Bern. Bisher haben nur Privatsender im freien Markt überlebt, die einem finanziell potenten Zeitungsunternehmen gehören, etwa Tele Züri (früher Tamedia, jetzt AZ Mediengruppe). Mit CNN Money versucht es jetzt ein neuer Player. Wir wünschen mehr Erfolg!

Von Alina Schober, Aylin Celebi und Katharina Hafner

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Quellen:

Alich (2017): Heikle Struktur bei CNN Schweiz. Online unter https://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/standardheikle-struktur-bei-cnn-schweiz/story/14875057 (03.12.2017).

Dumermuth, Martin (2006): Die Revision des Radio- und Fernsehgesetzes und das duale System. In: Zeitschrift für Schweizerisches Recht, Band 125 (1), S. 229–262.

Fraude, Stefan (2010): Ist sprachregionales Privat-Fernsehen in der Schweiz doch möglich? Eine praxisorientierte Analyse anhand der Etablierung des Privat-Senders 3+ im Schweizer TV-Markt. Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller.

Lindegger, Fabian (2014): Privatfernsehen erlebt seinen zweiten Frühling. Online unter http://www.20min.ch/finance/news/story/28350559 (15.12.2017).

Lischer, Suzanne (2014): Fernsehen als Service public. Eine Analyse der Qualität der SRG-Fernsehprogramme. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Salzburger Nachrichten (2017): Neuer Schweizer TV-Sender CNN Money startet im Jänner. Online unter https://www.sn.at/panorama/medien/neuer-schweizer-tv-sender-cnn-money-startet-im-jaenner-21114349 (03.12.2017).

SRG SSR (2013): SRG von 1931 bis heute. Online unter http://www.srgssr.ch/de/srg/unternehmensgeschichte/srg-von-1931-bis-heute/ (15.12.2017).

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Was vom investigativen Journalismus bleibt und warum er bleiben muss

Kaum waren die Paradise Papers bekannt, waren sie schon aus den Schlagzeilen verdrängt. Was bedeutet das für den Journalismus?

philatelist-1844081_960_720Anfang November enthüllten die Paradise Papers die Steuerschlupflöcher von Politikern und Großkonzernen. Weltweit loderte Empörung auf, doch die Hitze hielt nicht lange an. Kaum waren die Paradise Papers bekannt, waren sie schon wieder aus den Schlagzeilen verdrängt. Was bedeutet das für den Journalismus?

„Ein neues Leak erschüttert Konzerne, Politiker und die Welt der Superreichen“, titelte die „Süddeutsche Zeitung“ Anfang November mit großen Lettern auf ihrer Webseite. So harmlos die Bezeichnung „Paradise Papers“ daherkommt, dahinter steckt eine der größten journalistischen Leistungen der letzten Jahre: Über 13 Millionen Dokumente aus mehr als 20 verschiedenen Quellen wurden der „Süddeutschen Zeitung“ zugespielt.

Die sensiblen Daten enthalten Belege für umstrittene Steuerpraktiken, Dienstleistungen durch Briefkastenfirmen und versteckte Steueroasen. Mehr als 380 Journalisten von 96 Medien aus 67 Ländern haben mit dem internationalen Netzwerk investigativer Journalisten (ICIJ) zusammengearbeitet und die Unterlagen ein Jahr lang ausgewertet. In Österreich waren die Wiener Wochenzeitung „Falter“ und der ORF beteiligt.

Medien auf der ganzen Welt verbreiteten die brisanten Ergebnisse: 120 Politiker aus fast 50 Ländern tauchen in den Dokumenten auf. Prominente Sportler sind involviert, auch globale Unternehmen wie Apple und Nike. Sie alle sollen von Steuerschlupflöchern Gebrauch machen. Die Botschaft des neuen Leaks ist laut „Süddeutscher Zeitung“ klar: „Kein Politiker, kein Großkonzern, kein Sanktionsbrecher, kein Steuerhinterzieher, kein heimlicher Strippenzieher kann mehr davon ausgehen, dass seine Geschäfte tatsächlich dort bleiben, wo er sie haben will: im Verborgenen.“

Wenn der Aufwand höher als die Resonanz ist

Die Paradise Papers veranschaulichen die enorme Relevanz von investigativem Journalismus: Die neuesten Leaks deckten eine besondere Form der sozialen Ungerechtigkeit auf und führten der Gesellschaft vor Augen, welche Privilegien sich Unternehmen und Privatpersonen zuschanzen und mit welcher gewissenlosen Kaltschnäuzigkeit sie dabei vorgehen. Zu Recht stellt die Medienöffentlichkeit die involvierten Personen an den Pranger und kritisiert die enttarnten Steuerschlupflöcher.

Der journalistische Kraftakt birgt aber erhebliche Risiken: Zum einen müssen die beteiligten Medien damit rechnen, dass Betroffene gegen die Veröffentlichungen klagen. Das Prozesskostenrisiko tragen die Herausgeber der investigativen Medien – und die Prozessgegner haben tiefe Taschen. Zum anderen kostet investigativer Journalismus jede Menge Zeit und Geld. Journalistinnen und Journalisten sind wochenlang mit der Auswertung der Daten beschäftigt. Das will refinanziert sein.

Die synchronisierte Berichterstattung der beteiligten Medien in so vielen Ländern erzeugte bei der Veröffentlichung der Paradise Papers Anfang November globale Aufmerksamkeit, doch das Interesse flaute schon nach wenigen Tagen deutlich ab. Das zeigen statistische Auswertungen durch die Suchmaschine Google: War „Paradise Papers“ am 6. November, also am Tag der Enthüllung, noch der meistgesuchte Begriff in Österreich, sank das Interesse an den Leaks danach rapide.

Ähnlich verhielt es sich schon vor anderthalb Jahren mit den Enthüllungen der Panama Papers: Der Journalist Stefan Winterbauer sprach damals von einem „Skandal mit erstaunlich geringer Halbwertzeit“, was Aufmerksamkeit und öffentliches Interesse angeht. Solche Feststellungen lassen daran zweifeln, ob sich investigativer Journalismus für die Medien noch lohnt. So wichtig der Enthüllungsjournalismus also für eine aufgeklärte Gesellschaft ist, so schwierig ist er von werbefinanzierten Medien umzusetzen. Zu groß ist der zeitliche und finanzielle Aufwand, zu gering die gesellschaftliche Resonanz und der ökonomische Profit.

Verzicht auf investigativen Journalismus keine Option

Dabei stellt investigativer Journalismus eine erfolgversprechende Verteidigungsstrategie der klassischen Medien gegenüber einer von Fake-News durchsetzten Blogosphäre dar. Faktenprüfung ist die Paradedisziplin gelernter und überzeugter Journalistinnen und Journalisten, und demokratische Gesellschaften vertrauen ihnen zu Recht die Bewirtschaftung der Differenz zwischen Wahrheit und Lüge an. Steigende Abonnementzahlen für US-Medien, die sich faktenbasiertem Journalismus verschrieben haben, nähren die Hoffnung, dass die Menschen an solchen journalistischen Leistungen auch interessiert sind – und dass ihnen diese Leistungen auch bares Geld wert sind.

Bleibt den Panama und Paradise Papers die gesellschaftliche Anerkennung verwehrt, so bleiben die Werbeerträge aus und die investigativen Medien auf ihren Aufwendungen sitzen. Die Buchhalter in den Medienunternehmen werden in Zukunft den Bleistift besonders scharf spitzen, wenn es das nächste Mal um die Finanzierung der Aufdeckung von Korruption und Misswirtschaft geht.

Auf investigativen Journalismus ganz zu verzichten ist für Demokratien keine Option. Lassen sich solche teuren Recherchen nicht mehr über direkte Erträge der User und auch nicht mehr über Werbeerlöse finanzieren, so ist an einen dritten Weg zu denken. Österreich hat mit der Einführung der Presseförderung diesen Weg schon vor 40 Jahren eingeschlagen. Die abtretende Regierung ist mit ihrer Reform der Presseförderung gescheitert – die neue Regierung wäre gut beraten, auch investigativen Journalismus als förderungswürdig anzuerkennen. Und anständig mit Finanzmitteln auszustatten.

Von Christian Hetzenauer, Katharina Maier und Josef Trappel.

Veröffentlicht im derStandard.at/Etat-Blog „Ein Fall für die Wissenschaft“, am 12. Dezember 2017: Link zum Artikel auf derStandard/Etat

Quellen:

Ludwig, Johannes (2007): Investigativer Journalismus: Handwerk oder „Hohe Kunst“? In: Pöttker, Horst/Schulzki-Haddouti: Vergessen? Verschwiegen? Verdrängt? 10 Jahre „Initiative Nachrichtenaufklärung“. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 103–119.

Meedia (2016): Die Panama Papers: der „Mega-Skandal“ mit der Mini-Halbwertzeit. Online unter: meedia.de/2016/04/12/die-panama-papers-der-mega-skandal-mit-der-mini-halbwertzeit/ (18.12.2017)

Süddeutsche Zeitung (2017): Paradise Papers – Die Schattenwelt des großen Geldes. Online unter: projekte.sueddeutsche.de/paradisepapers/politik/das-ist-das-leak-e229478/ (18.12.2017).

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