Echt jetzt?! Wenn aus Satire Realität wird

„Endlich möglich: Baby-Hitler töten!“: Ist diese Meldung der Satire-Seite „Titanic“ auf den sozialen Netzwerken wirklich ein handfester Skandal? Der Vorfall steht beispielhaft für die Problematik von Satire auf Facebook, Twitter und Co.: Sie wird nicht von allen Usern als solche erkannt. Maßnahmen dagegen wären dennoch falsch.

Satire

Rechtzeitig vor Neujahrsansprache 2018: Van der Bellen beendet Neujahrsansprache 2017“ oder “Trump droht, jeden zu verspeisen, der an seiner geistigen Gesundheit zweifelt“: Mit solchen satirischen Meldungen bringen „Die Tagespresse“ und „Der Postillon“ tausende User zum Lachen, Liken und Sharen. Dass diese Kunstform auf sozialen Netzwerken nicht unproblematisch ist, zeigt folgendes Beispiel:

Das deutsche Satiremagazin „Titanic“ verbreitete im Oktober auf seiner Website sowie über seine sozialen Kanäle ein Foto von Sebastian Kurz. Der österreichische Bundeskanzler steht in einem unechten Fadenkreuz – darunter der Schriftzug „Endlich möglich: Baby-Hitler töten!“ (Link zur Twitter-Meldung: http://bit.ly/2ni8vZY). Der Beitrag, der die Politik von Kurz auf satirische Weise aufs Korn nimmt, sorgte bei den Usern nicht nur für Gelächter, sondern bei manchen auch für Empörung. Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft Berlin gegen das Satiremagazin. Der Vorwurf: Beleidigung und Aufforderung zu einer Straftat.

Satire: Problematisch aber unentbehrlich

Tim Wolff, der Chefredakteur von „Titanic“, macht sich wegen des Satire-Beitrags und seiner Folgen „keine Sorgen“. Der Rechtsanwalt für Medien- und Presserecht, Norman Buse, teilt diese Meinung. Er verweist auf den entscheidenden Faktor bei Satire: Den Kontext. Leser würden in einem solchen Beitrag keinen „ernstlichen Aufruf zur Verübung eines Angriffs oder Attentats“ erkennen. Genau hier liegt das Problem von satirischen Beiträgen und deren Veröffentlichungen auf sozialen Medien: Der Kontext des Inhalts ist nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar.

Satire-Inhalte auf Facebook, Twitter und Co. sind im News-Feed tausender User von ihrer Ursprungsquelle losgelöst. Die Folge: Manche Leser fassen die Satire-Meldungen – vermischt mit seriösen Nachrichten – nicht als humoristische Inhalte auf. Übersieht ein Nutzer die Angabe zum Verfasser eines Beitrags, bleibt für ihn der Kontext im Dunkeln. Solche User halten die Satire dann – wie im Fall des „Titanic“-Artikels – für einen handfesten Skandal.

Jedoch: Satire ist in einer Demokratie wichtig und schützenswert. Laut den Kommunikationswissenschaftlern Udo Göttlich und Martin R. Herbers kann unterhaltende Kommunikation „eine entsprechende öffentliche Rolle für die Orientierungsleistung eines Publikums einnehmen“. Eine Einschränkung von satirischen Inhalte auf sozialen Netzwerken wäre aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht falsch. Müsste Satire gar als solche gekennzeichnet werden, verlöre sie Witz und Wirksamkeit. Satirische Aufbereitung genießt den Schutz der freien Meinungsäußerung und muss höher gewichtet werden als die möglichen negativen Folgen von Satire für spaßbefreite Bürger auf Facebook, Twitter und Co. Auch wenn diese Güterabwägung gelegentlich Probleme mit sich bringen kann, Satire ist auf sozialen Netzwerken unentbehrlich. Echt jetzt!

Von Katharina Maier und Christian Hetzenauer

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Quellen:

Der Postillon (2018): Trump droht, jeden zu verspeisen, der an seiner geistigen Gesundheit zweifelt. Online unter: http://www.der-postillon.com/2018/01/trump-sane.html (26.1.2018).

derStandard (2018): „Baby-Hitler töten!“: „Titanic“ nach Kurz-Satire im Visier der Justiz. Online unter: https://derstandard.at/2000072791246/Baby-Hitler-Kurz-toeten-Titanic-im-Visier-der-Justiz (23.1.2018).

DieTagespresse (2017): Rechtzeitig vor Neujahrsansprache 2018: Van der Bellen beendet Neujahrsansprache 2017. Online unter: https://dietagespresse.com/rechtzeitig-vor-neujahrsanprache-2018-van-der-bellen-beendet-neujahrsanprache-2017/ (26.1.2018).

Göttlich, Udo/Herbers, Martin R. (2017): Die Freiheiten des Jan Böhmermann. In: Lehmann, Maren/Tyrell, Marcel (Hg.): Komplexe Freiheit. Wie ist Demokratie möglich? Wiesbaden: Springer VS, S. 73-89.

 

Foto: pixabay.com

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