Liebe „News“ – das ging zu weit!

Sich in die Privatsphäre trauernder Familien zu schleichen ist ein Tabu, das zur bitteren Realität wurde. Einem News-Journalisten wird vorgeworfen, sich Zutritt zu einem Flüchtlingsquartier verschafft zu haben, in dem sich ein 11-jähriger Asylwerber das Leben nahm. Die Diakonie hat beim Presserat Beschwerde gegen derartige Suizidberichterstattung eingelegt.

pic1Ein kürzlich veröffentlichter Artikel des Magazins „News“ sorgte für große Empörung. Die Recherche des Reporters greift in die Privatsphäre der Familie des Flüchtlingsjungen ein, der kürzlich Suizid begangen hat. „Veröffentlichung von Gerüchten und Spekulationen über die Hintergründe sind fehl am Platz“, so der Presserat. Diakonie-Mitarbeiter beschwerten sich beim Presserat über den Verstoß gegen den Persönlichkeitsschutz. Journalisten sollen unangemeldet ins Badener Paul-Weiland-Haus eingestiegen sein, wo der 11-jährige Bub mit seinen sechs Geschwistern gelebt hat. Das Team der Diakonie hatte den Presseleuten das Betreten des Flüchtlingsquartiers deutlich untersagt. Der veröffentlichte Artikel enthält Privatfotos der Familie sowie Vornamen, die sie identifizierbar machen. Mögliche Hintergründe für den Selbstmord seien die Obsorge für seine sechs Geschwister und ein Ladendiebstahl. Die Kritik des Presserats an der Suizidberichterstattung ist unmissverständlich: „Die Fokussierung auf eine Ursache sollte unterbleiben“.

Die Medienanwältin Maria Windhager spricht von einem „Verstoß gegen den postmortalen Persönlichkeitsschutz“ durch die nähere Beschreibung des verstorbenen Jungen. „Es tut uns leid. Wir wollten die Seite der Familie nachzeichnen und niemanden verletzen“, verteidigt sich die News-Chefredakteurin Esther Mitterstieler.

Das Thema Suizid verlangt besonders große journalistische Sorgfalt, um die Gefahr einer Nachahmung einzudämmen. Detaillierte biographische Daten zu veröffentlichen ist nicht akzeptabel. Aber genau das ist in diesem Fall geschehen. Das „News“-Magazin hat den Ehrenkodex der österreichischen Presse anerkannt und nimmt am Presserat teil. Die Beschwerde der Diakonie über die Berichterstattung ist angemessen. Der postmortale Persönlichkeitsschutz beinhaltet den Schutz der Privatsphäre, der hier klar missachtet wurde.

Wo soll das nur hinführen? Wird das Missachten der Privatsphäre gar zu einem Merkmal des modernen Journalismus? Die Preisgabe der Identität des Opfers oder der Angehörigen darf nicht Teil der Story sein.

Von Katharina Hafner, Alina Schober und Aylin Celebi

Artikel als PDF

Quellen:

Vienna Online (2017): 11-jähriger Flüchtling beging in Baden Selbstmord. Online im Internet unter http://www.vienna.at/11-jaehriger-fluechtling-beging-in-baden-selbstmord/5556624 (27.11.2017).

Standard Online (2017): „News“-Cover „Tot mit elf“: Diakonie will Magazin vor Presserat bringen. Online im Internet unter http://derstandard.at/2000068458577/News-Cover-Tot-mit-elf-Diakonie-will-Magazin-vor-Presserat (27.11.2017).

Foto: pixabay.com

 

 

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