Schattenboxen gegen die ‚Gratiskultur‘ im Netz: Online-Journalismus wird immer noch ‚verschenkt‘

Art

Embed from Getty Images

Millionen von Internet-Usern nutzen Ad-Blocker, um lästige Werbebanner auszublenden. Führende Medienkonzerne wehren sich wiederum mit technischen und juristischen Mitteln gegen die Werbe-Bremsen. Eine aktuelle Studie zeigt jedoch, dass Medienunternehmen in ganz Europa nach wie vor eine ‚Gratiskultur‘ betreiben und ihre Inhalte ‚verschenken‘. Konsequente Monetarisierung von Online-Journalismus sieht anders aus.

„Werbung ist lästig, Ad-Blocker schaffen praktisch Abhilfe“ – diese Meinung setzt sich zunehmend unter Userinnen und Usern von Onlinemedien durch. Nach jüngsten Erhebungen setzen weltweit hunderte Millionen Menschen beim Surfen im Internet auf Ad-Blocker-Software, die Tendenz ist mit zweistelligen Zuwachsraten pro Jahr weiter rasant steigend (Pagefair 2016). Laut dem aktuellen Digital News Report (2016) nutzt knapp ein Viertel (24%) der User in 26 untersuchten Ländern weltweit Ad-Blocker, wobei die Nutzung unter den unter-35-Jährigen noch einmal deutlich höher liegt. Während Leserinnen und Leser sich über ‚störungsfreies’ Surfen freuen, beklagen die Seitenbetreiber Einnahmenverluste durch ausbleibende Werbeanzeigen.

Verlage fahren Doppelstrategie gegen Ad-Blocker

Führende Medienkonzerne verfolgen – durchaus öffentlichkeitswirksam – (mindestens) zwei Strategien, um die Werbe-Bremsen auszubremsen: Erstens geht man mit zunehmender Vehemenz gerichtlich gegen die Anbieter von Ad-Blockern wie etwa Eyeo GmbH, die Adblock Plus vertreibt, vor. Die Axel Springer SE gibt sich als Speerspitze dieses Kampfs, der neben den Gerichten mittlerweile auch die Politik erreicht hat. Der zweite Weg ist das „Gegen-Blocking“. Das bedeutet, Leserinnen und Leser mit aktiviertem Ad-Blocker von der Nutzung der eigenen Seite auszusperren. Prominente Beispiele sind etwa die zu Springer gehörende BILD.de oder die Internet-Ausgabe der auflagenstärksten niederländischen Tageszeitung De Telegraaf. Andere wie die Online-Ausgaben der New York Times, von Le Parisien oder Le Monde experimentierten zumindest zweitweise mit dieser Vorgangsweise.

Die gelebte Praxis heißt nach wie vor ‚Gratiskultur’

Doch wie steht es wirklich um diesen Kampf der Medienhäuser gegen Ad-Blocker-Anbieter? Die von den Verlagen alltäglich gelebte Praxis ist zumindest widersprüchlich, der Widerstand gegen Ad-Blocker noch bestenfalls als zögerlich zu bezeichnen, wie eine Studie der Forschungsgruppe Medienwandel des Fachbereichs Kommunikations­wissenschaft der Universität Salzburg zeigt. Europaweit wird die überwiegende Zahl redaktioneller, also journalistischer Inhalte von den Verlegern immer noch schlicht und einfach ‚verschenkt’. „Die ‚Gratiskultur’ ist ungebrochen. Medienunternehmen haben offenbar immer noch keine gemeinsamen Weg gefunden, ihre journalistischen Leistungen zu monetarisieren“, skizzieren die Studienautoren Wolfgang Schmidbauer und Thomas Surrer das Ergebnis ihrer Untersuchung.

Harte Paywalls spielen keine Rolle

Für die Studie haben sie im Untersuchungszeitraum von April bis Mai 2016 die jeweils zehn reichweitenstärksten Nachrichtenportale in allen 28 EU-Ländern unter die Lupe genommen und auf das Vorkommen von Werbeeinschaltungen, Bezahlmodellen und Ad-Blocker-Sperren untersucht.

Die Zahlen sind eindeutig:

  • Drei Viertel aller (insg. 265) untersuchten Journalismus-Seiten im EU-Raum sind dem Free Model zuzuordnen (75,8%);
  • Freemium-Modelle, bei denen Leser nur für ‚exklusive’ Inhalte bezahlen müssen, liegen mit 17,7% zahlenmäßig und in der Bedeutung weit dahinter.
  • Metered Models machen 4,9% der untersuchten Journalismus-Portale aus; im Schnitt werden die Leserinnen und Leser nach dem achten Artikel zum Bezahlen aufgefordert.
  • Harte Paywalls (1,1%) und Spendenmodelle (0,4%) spielen – zumindest in der EU-weiten Betrachtung – keine Rolle.
  • Bemerkenswert: Während auf deutlich mehr als 90 Prozent aller untersuchten Nachrichtenportale Werbung geschaltet wird, wehren sich nur zwei Prozent der Anbieter dieser Seiten technisch gegen den Einsatz von Ad-Blocker-Software.

„Die Leserinnen und Leser mag der kostenlose Zugang zu Online-Journalismus einstweilen noch freuen. Doch wenn die Medienhäuser keine nachhaltigen Wege finden, aus ihren redaktionellen Inhalten auch online Erlöse zu erzielen, wird Journalismus gegenüber Internet-Riesen wie Google und Facebook weiter ins Hintertreffen geraten“, sind die Studienautoren überzeugt.

Die Studie „Strategien gegen die ‚Gratiskultur‘. Welche Wege zur Monetarisierung von Online-Journalismus nehmen Medienunternehmen in Europa?“ wurde im Juni 2016 auf journal.kommunikation-medien.at, dem Onlinejournal des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg veröffentlicht.

30.06.2016: Eine Meldung von Wolfgang Schmidbauer und Thomas Surrer.

Artikel als PDF

Quellen:

Pagefair (2016): 2015 PageFair / Adobe Report – The Cost of Adblocking. Online unter https://pagefair.com/wp-content/uploads/2016/05/2015_report-the_cost_of_ad_blocking.pdf (2.5.2016).

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (2016): Bericht der Bund-Länder-Kommission mit Eckpunkten zur Medienkonvergenz beschlossen. Pressemeldung vom 17.6.2016. Online unter https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Pressemitteilungen/BPA/2016/06/2016-06-17-bkm-medienkonvergenz.html (26.6.2016)

Reuter, Markus (2016): Oberlandesgericht Köln: Adblocking legal, bezahltes Whitelisting verboten. Netzpolitik.org. Online unter https://netzpolitik.org/2016/oberlandesgericht-koeln-adblocking-legal-bezahltes-whitelisting-verboten/ (26.6.2016).

Reuters Institute for the Study of Journalism (2016): Reuters Institute Digital News Report 2016. Online unter http://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/sites/default/files/Digital-News-Report-2016.pdf (26.6.2016).

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s