Podiumsdiskussion: Streit über Pressefreiheit in Österreich

 

Liegt Österreich bei der Pressefreiheit wirklich hinter Polen? Dieser Meinung ist zumindest Florian Skabal von der journalistischen Webseite dossier.at., ORF-1- Infochefin Lisa Totzauer widerspricht ihm heftig. Bei der Podiumsdiskussion ‚Große Freiheit oder goldener Käfig? Was der Medienwandel verspricht und was er hält‘ zeigten sich selbst Insider der Medienbranche uneins über den Umgang mit den Umbrüchen in der medialen Kommunikation.

Neben Skrabal und Totzauer saßen Presserat-Geschäftsführer Alexander Warzilek, Standard-Korrespondentin Stephanie Ruep und der Schweizer Kommunikationswissenschaftler Roger Blum auf dem Podium. Unter der Moderation von Wolfgang Schmidbauer und Nora Zacharias diskutierten die Medienexperten vor rund 70 Zuhörern über Qualität im Journalismus, neuen Kommunikationsstrategien im Internet und dem Rückgang der Pressefreiheit in Europa. Dabei sorgten die Referate der zehn Studierenden der Forschungsgruppe für streitbare Impulse.

„Eine gute Story sickert immer durch“

Kontrovers diskutierten die Podiumsgäste über die Pressefreiheit in Polen und Bulgarien. Die negative Entwicklung in Polen und die kaum noch vorhandene Pressefreiheit in Bulgarien inspirierten Florian Skrabal zu dem Vorschlag, Österreich im Ranking zwischen beiden Ländern zu platzieren. Der Investigativjournalist führte hier vor allem das Amtsgeheimnis der Behörden und den Einfluss der Politik auf den ORF an. ORF-Infochefin Lisa Totzauer ließ das zweite Argument nicht gelten. Wenn eine gute Geschichte in einem Medium durch beispielswiese politische Intervention verhindert wird, würde sie laut Totzauer eben durch andere Kanäle nach draußen finden: „Eine gute Story sickert immer durch. Wir veröffentlichen sogar Geschichten, die andere Medien etwa aus Angst vor dem Verleger nicht bringen und uns dann zuspielen.“

Universitätsdozent und Medienjurist Boris Rohman plädierte in seinem Zwischenruf dafür, Pressefreiheit als Utopie anzusehen und verwies dabei auf Persönlichkeits- und Urheberrechte. Rohman fürchtet vor allem den Missbrauch des Tendenzschutzes von Unternehmen wie Red Bull: „Wenn Herr Mateschitz mit dem Ende von Servus TV droht, nur weil Journalisten einen Betriebsrat gründen wollen und die Medienvielfalt von seinen Launen abhängt, ist die Pressefreiheit in Gefahr.“

Kein Patentrezept gegen Gratiskultur

Eine weitere Herausforderung für die Medienhäuser stellt das veränderte Nutzungsverhalten der Menschen dar. Hier waren sich die Podiumsgäste einig, dass sich nicht die Themen der Berichterstattung ändern müssen, sondern deren Aufbereitung. „Ich sehe mich als Orchidee, die sich nur nach oben rankt, wenn sie genügend Wasser bekommt“, umschrieb Totzauer die Notwendigkeit von Kreativität und Innovation in der journalistischen Arbeit. Dafür müsse aber die Finanzierung von Onlinejournalismus gesichert sein. Ein Patentrezept gegen die Gratiskultur im Web hatte keiner der Podiumsgäste. Während Kommunikationswissenschaftler Roger Blum eine höhere staatliche Presseförderung ins Spiel brachte, verwies Skrabal auf den kreativen Erlösmix seines Webportals dossier.at: „Wir finanzieren uns über Spenden, Förderungen und Rechercheleistungen für andere Medien.“

„Euch Massenmedien braucht keiner mehr“

Bei der weiteren Diskussion über guten Onlinejournalismus konnte ein Zuhörer seine Meinung nicht mehr zurückhalten. Der Salzburger Social-Media-Experte Lui Hoffmann sprach den von den fünf Podiumsgästen repräsentierten Medien die gesellschaftliche Relevanz ab. „Euch Massenmedien braucht keiner mehr. HC Strache hat auf Facebook 400.000 Follower, der umgeht euch einfach“, sagte der NEOS-Politiker.

Presserat tut sich online schwer

Beim Thema ‚Qualität im Onlinejournalismus‘ waren sich alle einig, dass journalistische Qualitätskriterien auch im Web gelten müssen. Während Standard-Korrespondentin Stephanie Ruep hier vor allem auf die Hasspostings in Onlineforen verwies, gab Alexander Warzilek zu, dass sich der Presserat online schwer tut: „Unsere Arbeit fußt auf der Freiwilligkeit der Medienhäuser“. Da die Onlinemedien einerseits beim Presserat nicht mitmachen wollten und sich die Verleger der Zeitungen andererseits gegen die Erweiterung der Kompetenz des Presserats auf das Internet sperren würden, seien ihm die Hände gebunden.

Forschungsprojekte seit Montag online

Bei der abschließenden Frage, ob der Medienwandel nun im goldenen Käfig oder in der großen Freiheit endet, zeigten sich alle Podiumsgäste auf einer Linie. Die Umbrüche in der medialen Kommunikation seien zwar eine Herausforderung, würden die journalistische Arbeit aber erleichtern und allen Menschen mehr Möglichkeiten bieten. Mit dieser Einschätzung und mit einem Buffet endete die Podiumsdiskussion, die durch Land, Stadt und Arbeiterkammer Salzburg, Innocent, Trumer Pils, der Studierendenvertretung und den Fachbereich Kommunikationswissenschaft sowie von den ‚Friends of Kowi‘ gesponsert wurde. Damit die Imputs der Studierenden nicht nur die Podiumsgäste zur Diskussion anregen, stehen deren Forschungsprojekte der Öffentlichkeit seit Montag 27. Juni, auf dem Sonderfenster des Online-Journals zur Verfügung.

Ein Rückblick von Thomas Surrer für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Hier geht es zur vollständigen Pressemitteilung

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