Comeback des Hörfunks

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Audio-Podcasts legen seit Jahren an Reichweite zu. Wieso beschränken sich die Menschen im Zeitalter von Virtual Reality auf nur einen Sinn?

Jan Böhmermann und Olli Schulz haben ihre klassische Radiosendung „sanft und sorgfältig“ bei Radio Eins in Berlin-Brandenburg an den Nagel gehängt – um im Internet weiterzumachen. Seit Sonntag sind die beiden Comedians auf Spotify zu hören. Ihr Audio-Podcast ist dabei der Höhepunkt eines Trends, der derzeit von den USA nach Europa überschwappt: Wortbeiträge hören ist wieder in.

Und das im Zeitalter von Virtual Reality. Während Medienhäuser über Crossmedialität und Videojournalismus nachdenken, erfährt der „gute alte Radiojournalismus“ seine Renaissance im Internet, und die bereits tot geglaubten Podcast-Formate erleben einen neuen Boom. Der Anteil der Podcast-Hörer hat sich laut der ARD/ZDF Onlinestudie 2015 innerhalb eines Jahres von sieben auf 13 Prozent nahezu verdoppelt. Generell haben im Jahr 2015 60 Prozent der deutschen Internetnutzer Audio-Angebote abgerufen.

Konkurrenz zu klassischen Radiosendern?

Der Boom der Podcasting-Szene hat in den USA bereits den Mainstream erreicht. 45 Millionen Amerikaner hören mindestens einmal im Monat Podcasts. Begonnen hat die Entwicklung 2014 mit der Dokumentar-Serie „Serial“ – unser Blog hatte schon damals ein Comeback des Hörfunks prophezeit. Die US-Journalistin Sarah Koenig hat in „Serial“ einen realen Kriminalfall als spannendes Hörerlebnis aufbereitet und damit die iTunes-Downloadcharts erobert. Jede Episode wurde rund 3,4 Million Mal heruntergeladen. Der Erfolg bereitete dem Podcast-Trend enorme Schubkraft – und die hat Folgen:

So sieht die Senderkette National Public Radio (NPR) die Entwicklung bereits als Bedrohung und hat ihren Moderatoren verboten, Werbung für ihre eigenen Netzsendungen zu machen. Das Branchen-Portal UniversalCode berichtet, dass viele Medienhäuser in den USA mittlerweile „mit Hochdruck“ an der Entwicklung eigener Podcasts arbeiten, so baut etwa die New York Times eine eigene Redaktion auf.

In Deutschland und Österreich steckt die Podcasting-Szene dagegen noch im Amateurbereich fest. Das könnte am Einfluss des öffentlich-rechtlichen Rundfunks liegen, der selbst Wortbeiträge und Features produziert und sie über klassische Radiosender und als Podcasts verbreitet. So hat B5 Aktuell, das erfolgreichste Inforadio der ARD, seit der letzten Mediaanalyse 2015 80.000 Hörer hinzugewonnen. Der Sender, der nur Wortbeiträge und keine Musik verbreitet, erreicht deutschlandweit täglich 710.000 Hörer. Der österreichische Kultur- und Informationsender Ö1 erreicht trotz leichter Verluste 630.000 Hörer pro Tag.

Sinnesbeschränkung versus Mediengier

Aus dem Blickwinkel der Radiotheorie sind zwei Erklärungen denkbar: Entweder die Menschen wollen journalistische und unterhaltsame Inhalte konzentriert und bewusst wahrnehmen – und verzichten deswegen auf visuelle Ablenkungen und überbordende Optik. Der Hörfunk wird so wieder vom Nebenbei- zum Hauptmedium.

Der Grund liegt in der Macht des „Bildes im Kopf“, der virtuelle Bildschirm im Gehirn wirkt viel größer und ganzheitlicher auf den Menschen als zum Beispiel das reale Bild des TV-Geräts. Der Wissenschaftler Joachim-Ernst Behrendt nannte das PhänomenDie Welt ist Klang“. Sein Kollege Marshall McLuhan bezeichnet den Hörfunk als „heißes“ Medium, da es zum eigenen Nachdenken anrege. Die britischen Forscher Michael Bull und Les Back gehen noch weiter und sagen, dass die „Soundscapes“, also die Tonlandschaften von Podcasts, eine Alternative zur Medienüberflutung darstellen können.

Oder die Nutzer haben eine unersättliche Mediengier und wollen Radiojournalismus immer und überall hören – der Downloadfunktion und der W-Lan-Verbreitung sei Dank. Die

Kommunikationswissensschaft nennt dieses Phänomen Mediatisierung. Die Medien vereinnahmen immer mehr Bereiche im Alltag der Menschen, die Mediennutzung wird zeitlich und räumlich ausgedehnt. Der Trend bestätigt jedenfalls ein uraltes „Gesetz“ der Kommunikationswissenschaft: Wolfgang Riepl postulierte bereits 1913, dass kein Medium durch ein neues Medium komplett ersetzt oder verdrängt wird.

25.05.2016: Ein Beitrag für die Forschungsgruppe Medienwandel von Thomas Surrer und Wolfgang Schmidbauer.

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Lesetipp:

Kleinsteuber, Hans J. Kleinsteuber (2012): Radio. Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag

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