#verafake: Mein RTL – meine Werte?

auslachen

Jan Böhmermann schleust zwei Kandidaten bei der Scripted Reality – Show „Schwiegertochter gesucht“ ein und liefert mit seinem #verafake die perfekte Rückkehr ins Fernsehgeschäft. Aber nicht nur der Privatsender RTL wird bloßgestellt, sondern auch dem Zuschauer wird der Spiegel vorgehalten.

Der Investigativ – Journalist Günther Wallraff deckt im Auftrag von RTL Missstände in Deutschland auf, aber wer deckt vermeintliche Missstände bei RTL auf? Das könnten sich Jan Böhmermann und seine „Neo Magazin Royale“- Redaktion gefragt haben. Und schon wurden dem Format „Schwiegertochter gesucht“ zwei Schauspieler untergeschoben, die in einer bereits ausgestrahlten Sendung als Vater und Sohn, auf der Suche nach der großen Liebe für den jungen Mann, vor der Kamera auftraten. Eine Wohnung voller Bierflaschen, ein paar ausgefallene Hobbies und skurrile Macken waren ausreichend, dass der Privatsender auf die beiden „falschen“ Kandidaten hereingefallen ist. Das Team hinter Böhmermann filmte die Vertragsunterzeichnung sowie den Dreh für das Format mit versteckten Kameras mit. Durch ein aufgenommenes Gespräch zwischen den Darstellern und einer Vertreterin der Produktionsfirma wurde deutlich, dass in dieser Sendung Menschen in ihrer Hilflosigkeit vorgeführt werden.

Je prolliger die Darstellung der Kandidaten, desto höher die Quoten

Obwohl Jan Böhmermann für diesen investigativen Zug königlich gefeiert wird, macht ein Blick auf die Geschichte von RTL deutlich, dass der Satiriker eigentlich nichts Unbekanntes aufgedeckt hat. 2004 schimpfte der Kinderschutzbund schon über die zutiefst entwürdigende Darstellung von vorgeführten Familien bei „Die Super Nanny“. 2014 wandten sich Darsteller des RTL II Formats „Frauentausch“ an die Bild und erzählten, wie die Produktionsfirma Katzenfutter im Bad und Essensreste in der Küche verteilte, um die Wohnung der Mitwirkenden dreckiger aussehen zu lassen. Die ausgelösten Debatten flauten jedoch nach kurzer Zeit wieder ab und RTL produzierte diese Formate mit guter Quote weiter. ZDF–Intendant Thomas Bellut hat für den Erfolg dieser Formate eine Erklärung: „Das ist eine Welt, die auch von Gebildeteren gern mal angeguckt wird, weil sie da den sozialen Abwärtsvergleich haben. Die gucken ganz gern, wie es denen da unten so geht, und schon ist die eigene Realität wieder erträglicher.“

Die Zuschauer machen die Quote

Diese Aussage sollte uns als Zuschauern zu denken geben, denn Medienangebote werden dann angenommen, wenn das Medium die Bedürfnisse der Rezipienten und die Motive der Mediennutzung erfüllt. Davon geht der Uses- and Gratificationsansatz aus. Durch das Anschauen der Sendung werden affektive und soziale Bedürfnisse erfüllt. Es sorgt nicht nur für Entspannung, Erholung und Ablenkung von den eigenen Problemen, sondern auch für Gesprächsstoff im Freundeskreis.

Mit einem Marktanteil von durchschnittlich 11,5 Prozent und ca. 3,5 Millionen Zuschauern erfüllt „Schwiegertochter gesucht“ anscheinend die Bedürfnisse vieler Fernseh- Rezipienten. RTL hatte diesen Monat einen Marktanteil von 9,7 Prozent. Damit liegt „Schwiegertochter gesucht“ über dem Durchschnittswert und ist ein sehr erfolgreiches Format des Privatsenders. Hier sollte uns nun bewusst werden, dass der Fernsehrezipient im deutschsprachigen Raum dieses Format gerne schaut. Er sorgt für die Quote und beeinflusst, dass solche grenzwertigen Formate überhaupt weiter produziert werden.

Zehn Jahre sucht die Moderatorin Vera Int-Veen nun schon bei „Schwiegertochter gesucht“ nach der großen Liebe für schwer vermittelbare Männer. Jan Böhmermann macht nun endlich deutlich was hier passiert: „Die Kandidaten wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Es geht nicht um Liebe, es geht ums Geschäft. Dafür macht ihr alles. Ihr macht die Leute zu Witzfiguren. Sorgfaltspflicht, scheißegal!“. Aber haben wir das als Zuschauer wirklich nicht gesehen oder wollten wir es nicht sehen? Personen werden hier offensichtlich vorgeführt und jeder der dieses Format schaut, sollte sich bewusst machen, dass er an dieser offensichtlichen medialen Bloßstellung auch ein kleines bisschen Schuld hat. Es ist wie mit Plastiktüten. Wenn sie keiner benutzen würde, dann würden auch keine mehr produziert werden, was für die Umwelt von großem Vorteil wäre. „Schwiegertochter gesucht“ kann sich auf dem Fernsehmarkt nur behaupten, weil wir andere auslachen und unser eigenes Leben durch dieses Format aufwerten wollen.

Artikel als PDF

18.05.2016: Ein Artikel von Nora Zacharias uns Nina Jaxy für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Quellen:

Brauck, Markus/ Kühn, Alexander/ Müller, Martin U./Niggemeier, Stefan (2011): Echt gelogen. Online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-82995628.html (15.05.2016)
Das Erste (2016): Einschaltquoten und Marktanteile deutscher Fernsehsender. Online unter:http://www.daserste.de/programm/quoten.asp (15.05.2016)
Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid (2001): Publizistik.Köln,Weimar, Wien: Böhlau
Mc Leod, Jack M. /Becker, Lee B. (1981): The Uses and Gratifications Approach. In: Nimmo, Dan D./Sanders, Keith R. (Hg.): The handbook of political communication.
1. Print. Beverly Hills, London:Sage Publications, S.67-99
Quotenmeter (2016): Schwiegertochter gesucht. Online unter: http://www.quotenmeter.d
e/tag/schwiegertochter+gesucht (15.05.2016)
Rasche, Oliver (2016): Und dann lässt Böhmermann entspannt die Bombe platzen. Online unter:http://www.welt.de/vermischtes/article155284834/Und-dann-laesst-Boehmermann-entspannt-die-Bombe-platzen.html (15.05.2016)
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