Wer hat Angst vorm Böhmermann?

Warum Satire auf keinen Fall nur das dürfen soll, was ihr erlaubt wird.

Mit so viel Rummel um seine Person hat wohl nicht einmal Jan Böhmermann selbst gerechnet. Spätestens nach der Erlaubnis zur Strafverfolgung, die Bundeskanzlerin Angela Merkel vergangene Woche nach Böhmermanns „Schmähkritik“ an Präsident Erdogan gegeben hat, ist eines klar: Satire darf doch nicht alles. Dabei fing die Geschichte so harmlos mit einem Extra 3-Beitrag über Erdogan an. Erdowie, Erdowo, Erdogan – ein Lied über den türkischen Präsidenten. Das fand dieser gar nicht lustig, bestellte den deutschen Botschafter ein und verlangte das Ende des gesamten Formates „Extra 3“.

Jan Böhmermann nahm diese Reaktion von Erdogan zum Anlass für seine „Schmähkritik“, ein Gedicht, das vor Beleidigungen und Kränkungen Erdogans strotzt. Das Gedicht sagt ihm homoerotische, sodomitische und pädophile Neigungen nach, verhöhnt seine Genitalien und stellt ihn als impotent dar. Der Aufschrei nach dem Vortrag war groß. Erdogan erstattete privat Strafanzeige und die deutsche Bundesregierung prüfte, ob ein Verfahren wegen Beleidigung eines Staatsoberhauptes nach dem längst eingemottet geglaubten „Schah-Paragraphen“ zulässig sei. Spätestens in dem Moment spaltete die Debatte die Gesellschaft. Und wo steht Jan Böhmermann? Da wo er immer stand, am Spielfeldrand. Und beobachtet die Schlägerei die er da angezettelt hat. Eine Frage aber bleibt: Was darf Satire und was darf sie nicht?

Satire darf alles, solange man nicht selbst betroffen ist. Das scheint die Haltung vieler zu sein – insbesondere nach den Drohungen gegen die dänische Zeitung und den Zeichner der Mohammed-Karikaturen 2005 und dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris 2015. In Demokratien aber gilt: im Zweifel für die Freiheit – das ist ein Grundprinzip in Verfassung und Grundgesetz. Was passiert aber, wenn „für die Freiheit“ gleichzeitig bedeutet, dass Menschen wegen Satire und gekränkter Egos leiden oder gar sterben?

Kommunikationswissenschaftlich sind zwei Aspekte interessant. Zum einen wird deutlich, wie grundlegend der Medienwandel die Verbreitung von Inhalten beschleunigt. Vor 20 Jahren hätte es wohl vermutlich einige Zeit gebraucht, bis das Schmähgedicht in die Türkei gekommen wäre, wenn es sie überhaupt je erreicht hätte.

Zum anderen sei die Kontextebene des Gedichts beachtenswert, meint Professor Bernhard Pörksen von der Universität Tübingen. Böhmermann versuchte klar zu machen, was man in Deutschland darf, was nicht, wo Presse- und Satirefreiheit beginnt und wo sie endet.

Für Mehmet Ata, der im Jahr 2011 eine vergleichende Diskursanalyse über den Mohammed-Karikaturenstreit in den deutschen und türkischen Medien veröffentlichte, ist Pressefreiheit unverhandelbar. Sie darf nicht zu einem Gnadenrecht verkommen. Mit dem Verweis auf die Pressefreiheit als Gnadenrecht spielt er auf deren Werdegang an. Bei den Kämpfen um die Pressefreiheit in der Aufklärung existierten im Groben drei Aspekte der Begründung und Zielsetzung: Freiheit als Gnadenerweis, als Zweckmäßigkeitsprinzip und als Menschenrecht.

Darf Satire nur noch das, was ihr erlaubt wird, ist das Gnadenrecht nicht mehr fern. Und das ist einer vermeintlich vorbildlichen Demokratie wie den unsrigen unwürdig!

Zu den Gewinnern des Streits zählt am Ende das ZDF, das sich schützend vor Böhmermann stellt. Ein Akt, der in Zeiten der ‚Lügenpresse‘ wieder Vertrauen in die öffentlich rechtlichen Medien aufbaut.

20.04.2016: Ein Beitrag von Marie Schulz und Tobias Hafner für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Artikel als PDF

Quellen:

http://www.tagesspiegel.de/medien/analyse-der-kritik-an-jan-boehmermann-was-zaehlt-der-rahmen-oder-das-bild/13450172.html

Ata, Mehmed (2011): Der Mohammed-Karikaturenstreit in den deutschen und türkischen Medien. Eine vergleichende Diskursanalyse. VS: Wiesbaden.

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