Die Misstrauensspirale

Warum Journalismus es niemandem recht machen kann. Und wie Medien aus dieser Falle entkommen können.

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Die Tinte der Artikel über die Panama Papers war noch nicht trocken, schon blies der Süddeutschen Zeitung harsche Kritik entgegen: Warum wird Russlands Präsident Putin mit Scheinfirmen auf Panama in Verbindung gebracht, obwohl sein Name nicht in den Akten auftaucht? Warum wird nicht über etwaige Konten von US-Amerikanern berichtet? Und sind die Panama Papers nicht sowieso mehr ein inszeniertes Spektakel als ein echter Skandal?

Es ist schon ein Kreuz: Da leistet Journalismus endlich wieder einmal das, was Kritiker von ihm fordern, nämlich intensiv zu recherchieren und dann zu informieren – und hat scheinbar doch wieder alles falsch gemacht. So passiert am 3. April 2016, als das Journalisten-Netzwerk International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) mit großem Getöse und in einer weltweit akkordierten Aktion die Panama Papers veröffentlicht hat. Von einer journalistischen Sensation war die Rede, von einer investigativen Meisterleistung, von der endlich geglückten Vereinigung von Print- und Online-Journalismus. Kurz: Man sprach in Zusammenhang mit den Panama Papers von einer Chance für den Journalismus, verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen.

Hoch-Zeit für Verschwörungstheoretiker

Kaum mehr als 24 Stunden später dann eine Welle der kollektiven Kritik, die sich rasant in die sozialen Netzwerke verbreitete: Die Auswahl der aufgedeckten Skandalfirmen sei selektiv, von Fällen in den USA und Deutschland etwa keine Spur, die zentrale Rolle des russischen Präsidenten Putin eine journalistische Konstruktion, und überhaupt handle es sich beim hochgelobten Journalisten-Netzwerk um eine von US-amerikanischen Think-Tanks fremdgesteuerte und daher zweifelhafte Organisation. Der Bogen der Kritik reicht(e) von der seriösen inhaltlichen Auseinandersetzung bis hin zu handfesten Verschwörungstheorien. All das ist Ausdruck eines schwindenden Vertrauens in die klassischen Medien. Von da bis hin zum Vorwurf der Lügenpresse ist es oft nicht mehr weit.

Die Kommunikationswissenschaft widmet sich dem Thema unter anderem aus Sicht der Qualitätsforschung: Die setzt etwa bei Medienkritik und Medien-Selbstkritik an. Der Hintergedanke: Wenn Journalistinnen und Journalisten sich „reflektiert mit eigenen Fehlleistungen auseinandersetzen, kann die Glaubwürdigkeit der Medien erhöht werden“, meint etwa die Journalismus-Forscherin Renate Hackel-de Latour.

Zwei Wege aus der Vertrauensfalle

Doch wie geht das, wenn noch gar keine Fehlleistungen passiert sind, wie etwa aktuell im Fall der Panama Papers? Da haben Süddeutsche & Co. ja scheinbar alles richtig gemacht und nach den gültigen Qualitätskriterien publiziert. Auf zwei Wegen können Medien im Allgemeinen und der klassische Nachrichtenjournalismus im Speziellen aus der Misstrauens-Spirale entkommen, die längst zur Falle geworden ist: Der Journalismus muss gleich mit bedenken, wo potenzielle Kritiker ansetzen könnten und, wie wir wissen, ansetzen werden. Medienhäuser sollen dabei nicht zur Selbstzensur greifen, sondern für ihr Publikum offen sein und dessen Kritik frühzeitig aufgreifen. Vorbilder für diese Vorgehensweise gibt es seit Jahrzehnten in der PR-Branche. Während Pressesprecher seit dem Bestehen ihres Berufsfeldes etwaige Kritikpunkte in ihren Mitteilungen im Voraus mit bedenken (und dies von Journalisten sogar erwartet wird), denken die Medienschaffenden selbst immer noch nicht darüber nach, wie ihre Arbeit hinterfragt werden könnte.

Und der Journalismus sollte darüber hinaus Instrumente finden, aktiv mit der zu erwartenden Kritik umzugehen. Nichts wirkt entwaffnender als Offenheit. Eines dieser Instrumente ist das vor allem in den USA bewährte Modell der Ombudsleute: Sie sind gewissermaßen Vertrauensleute des Publikums. Während Journalismus durch die Verbreitung von Online-Kommunikation und soziale Netzwerke an Deutungshoheit verliert, können Ombudsleute als missing link zwischen Redaktion und Lesern dazu beitragen, das ramponierte Vertrauen wieder herzustellen.

Artikel als PDF

13.04.2016. Ein Beitrag von Wolfgang Schmidbauer und Thomas Surrer für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Literatur:

Hackel-de Latour, Renate (2015): „Lügenpresse“!? Über den Glaubwürdigkeitsverlust der Medien. In: Communicatio Socialis, 48. Jg., H. 2, S. 123–125.

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