Presseräte, geht endlich online!

Um das Vertrauen des Publikums zurückzugewinnen, muss auch Onlinejournalismus Ziel der Medienselbstkontrolle werden.

newspaper-943004_1280

Das ist neuer Rekord: 44 Fälle von mangelnder Recherche, Bloßstellung von Menschen, sensationsheischender Berichterstattung und ähnlichen ‚medienethischen Verstößen‘ hat der österreichische Presserat im Jahr 2015 festgestellt und verurteilt. Im Jahr davor waren es noch 35 Verstöße. Zum Vergleich: Der Deutsche Presserat sprach im Vorjahr bei 2.358 Beschwerden insgesamt 35 Rügen aus; im Jahr 2014 waren es noch 21 Rügen.

Ist die Qualität des Journalismus auf einem neuen Tiefpunkt angelangt? Das Vertrauen in die Medienberichterstattung hat jedenfalls stark gelitten. 60 Prozent der Deutschen haben wenig oder gar kein Vertrauen in Medien, wies im Vorjahr eine Umfrage von infratest dimap im Auftrag der Wochenzeitung Die Zeit aus; nur einer von vielen ähnlichen Befunden.

Das sinkende Vertrauen lässt sich im Einzelfall auf konkrete journalistische Fehlleistungen zurückführen, im Allgemeinen ist diese Entwicklung aber eine Folge des Medienwandels: Medienhäuser kämpfen mit der Herausforderung, auch im Internet Geld zu verdienen, um Qualitätsjournalismus zu finanzieren. Der Journalismus kämpft zudem mit dem Verlust seiner ‚Gatekeeper‘-Rolle, also der Funktion, Themen zu finden, auszuwählen, zu gewichten, einzuordnen und zu berichten. Das Publikum wiederum hat sich emanzipiert, ist selbst über viele Kanäle zum ‚Sender’ und aktiven Kritiker medialer Berichterstattung geworden.

Wie können die Medien das Vertrauen zurückgewinnen?

Der Journalismus ist bei der Qualität seines Produkts gefordert: Das heißt klare, transparente, nachvollziehbare und faire Berichterstattung – und er muss bereit sein, sich der Kritik zu stellen. Schon bisher konnten Medien nicht alles tun, was sie wollten: Aufgrund ihrer für Demokratien elementaren Informationsfunktion sind sie mit weit reichenden Freiheiten ausgestattet, gleichsam als Gegengewicht dienen Instrumente der Presse(Selbst-)Kontrolle. Die Kommunikationswissenschaft fasst sie unter dem Begriff ‚Media Accountability‘ zusammen. Zu den etablierten Instrumenten zählen Presseräte, die es in ähnlicher Form in zahlreichen europäischen Ländern gibt. Da sie keine rechtlich verbindlichen Sanktionsmöglichkeiten haben und die Mitgliedschaft auf Freiwilligkeit beruht (Stichwort Pressefreiheit!), wird ihnen gerne Zahnlosigkeit vorgeworfen.

Qualitätskontrolle im Online-Journalismus: Bisher Fehlanzeige

Schwerer wiegt freilich ein anderes Manko: Für Online-Medien sind die Presseräte bislang nur dann zuständig, wenn es sich um Web-Auftritte von Printmedien handelt. Das ist keine adäquate Antwort auf den Medienwandel und das veränderte Mediennutzungsverhalten vor allem der unter 30-Jährigen. Gleichzeitig erfüllen neue Formen wie etwa Medien-Watchblogs die Selbstkontrolle (noch) nicht in ausreichendem Maß. Wenn der (Qualitäts-)Journalismus das verloren gegangene Vertrauen wieder zurückgewinnen will, muss er seine Instrumente für Qualitätssicherung und Selbstkontrolle deutlich nachschärfen. Dazu zählt ein zeitgemäßes medienethisches Regelwerk, das Medien in ihrer Gesamtheit erfasst – vom klassischen Printjournalismus über dessen Web-Ableger bis hin zu reinen Onlinemedien und Social Media-Kanälen. Beim österreichischen Presserat denkt man in diese Richtung nach.

16.03.2016. Ein Beitrag von Wolfgang Schmidbauer und Thomas Surrer für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Artikel als PDF

Quellen:

  • McQuail, Denis (2013): Journalism and Society. Los Angeles [u.a.]: SAGE
  • Fengler, Susanne (2013): Verantwortung und Selbstkontrolle im Journalismus. In: Meier, Klaus/ Neuberger, Christoph (Hg.): Journalismusforschung. Stand und Perspektiven. Baden-Baden: Nomos, S. 105–118.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s