Wie Facebook die Verlage, vor allem aber sich selbst bedient

15.06.2015. Ein Beitrag von Ksenia Churkina für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Foto ChurkinaVerlage müssen dort sein, wo die User sind. Der Verlagsgründer und Blogger Johnny Haeusler prognostiziert eine Zukunft, in der die großen Medienverlage bald keine eigenen Firmenwebseiten mehr betreiben werden und ihre Inhalte vollständig auf die populärsten sozialen Netzwerke verlagern (vgl. Haller 2015: o.S.). Diese Prognose mag übertreiben, gänzlich unbegründet ist sie aber nicht. Das Projekt „Instant Articles“ geht erste Schritte ein.

Kommerzielle Attraktivität

Facebook eröffnet neue Möglichkeiten zur Verbreitung journalistischer Beiträge. Die Veröffentlichung der vollständigen Artikel, Bildergalerien und Videos direkt auf Facebook stellt den klassischen Journalismus vor eine Reihe von Herausforderungen und bietet die Chance, sich neu zu definieren. Das Projekt „Instant-Articles“ ermöglicht den Verlagen ihre Medieninhalte künftig in der mobilen Facebook-App direkt zu veröffentlichen, ohne die User auf externe Quellen der Nachrichten und Medien-Webseiten weiterzuleiten. Eine neue Art der Onlineberichterstattung wurde speziell für mobile Geräte entwickelt. Dieses Projekt soll die Berichterstattung im Online-Journalismus vereinfachen und beschleunigen. Neben der zusätzlichen Reichweite über Facebook, bietet das Netzwerk den Verlagen eine wirtschaftliche Perspektive durch attraktive Vermarktungsmöglichkeiten. Die Verlage erhalten Zugriff auf Nutzerdaten ihrer User und können analysieren, welche Beiträge besonders gefragt sind und welche Inhalte auf weniger Resonanz stoßen. Über Facebook kann eine Redaktion neue Rezipienten erreichen, die vorher nie mit der Zeitung in Kontakt gekommen sind. Hier kann eine Redaktion auch direktes Feedback auf eigene Beiträge bekommen. Damit können Medienhäuser sowohl die Reichweiten als auch die Werbeeinnahmen potenziell erhöhen. Im Projekt „Instant-Articles“ nehmen bereits neun internationale Medienhäuser teil, darunter die deutschen Medien „Bild“ und „Spiegel Online“ und die amerikanische Zeitung „New York Times“.

Die österreichischen Verlage beäugen die direkte Veröffentlichung der Medieninhalte auf Facebook kritisch. Gerlinde Hinterleitner, Online-Managerin „Der Standard“ kann sich nicht vorstellen, „dass Medien, die bei Verstand sind, Usern noch mehr Grund geben wollen, Facebook überhaupt nicht mehr zu verlassen“ (Kleine Zeitung 13. 5. 2015).

Soziale Netzwerke als Gatekeeper

Soziale Netzwerke setzen neue Rahmenbedingungen für die Informationsverbreitung und Meinungsbildung. Über die Einbettung der „Instant Articles“ könnte die Bindung der Verlage an den Facebook Traffic noch erheblich zunehmen. Allerdings unterwerfen sich dadurch sowohl Nutzer als auch Medienhäuser den Bedingungen von Facebook.

Soziale Netzwerke haben sich als neue Gatekeeper für die Verbreitung der Nachrichten und Meinungen in der Gesellschaft etabliert. Ihre Rahmenbedingungen legen Grenzen, Formen und Inhalte der Kommunikation fest. So bestimmt ein Facebook-Algorithmus, der Edge-Rank, welche Nachrichten ein Facebook-Nutzer über seinen News-Feed zu sehen bekommt. Edge-Rank prüft die Postings von Facebook-Nutzern anhand verschiedener Faktoren auf ihre Relevanz für die befreundeten Nutzer, also jene, die den Facebook-Account „geliked“ haben (vgl. Machill/Beiler/Krüger 2013: 50). Die technische Struktur von Facebook wirkt sich also direkt auf die Informationsverbreitung und Meinungsbildung aus.

Eine weitere technikbasierte Einschränkung von Informations- und Meinungsflüssen ist der Quellcode. Wenn Facebook-Nutzer auf mobilen Endgeräten Verlinkungen zu anderen Internetangeboten folgen wollen, werden sie nicht mehr auf die entsprechende Webseite geführt, vielmehr wird der Medieninhalt innerhalb der Plattform von Facebook wiedergegeben. Mit Hilfe des Quellcodes bindet Facebook die Nutzer an die eigene Plattform (vgl. Machill/Beiler/Krüger 2013: 52). Es sind die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie: Je länger man sich auf Facebook aufhält, desto mehr Angebote stellen sich ein.

 And the winner is: Facebook

 Facebook entwickelt sich dadurch nicht nur zu einer zunehmend attraktiveren Werbeplattform, sondern auch zu einem Nachrichtenportal. Gemäß Julian Reichelt, der Chefredakteur von „Bild.de“ sind „Instant Articles“ ein Experiment, bei dem alle Vor- und Nachteile abzuwägen sind“ (Meier 2015: o.S.). Langfristig könnte „Instant Articles“ zu einem Bedeutungsverlust für die Verlage führen und je mehr Medienhäuser an dem Projekt „Instant Articles“ teilnehmen, desto größer wird der Druck, auch dabei zu sein. Sicher ist nur eines: Der größte Gewinner heißt Facebook.

 

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Literatur:

Haller, Markus (2015): Facebook schränkt organische Reichweite für Unternehmen ein: Was bedeutet dies fürs Content- Marketing? Online unter: http://business24.ch/2015/05/08/facebook-schraenkt-organische-reichweite-fuer-unternehmen-ein-was-bedeutet-dies-fuers-content-marketing/ [12.06.2015].

Kleine Zeitung (2015): „Spiegel“ veröffentlicht vollständige Artikel direkt auf Facebook. Online unter: http://www.kleinezeitung.at/k/lebensart/multimedia/4730808/MULTIMEDIA_Spiegel-veroffentlicht-Artikel-direkt-auf-Facebook- [12.06.2015].

 Machill, Marcel/ Beiler, Markus/Krüger, Uwe (2013): Das neue Gesicht der Öffentlichkeit. Wie Facebook und andere soziale Netzwerke die Meinungsbildung verändern. Band 31. Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). S. 50-52 [12.06.2015].

Meier, Christian (2015): Facebook will Leser mit Sofort-Artikeln locken. Online unter: http://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article140891775/Facebook-will-Leser-mit-Sofort-Artikeln-locken.html [12.06.2015].

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