GEFÄLLT MIR NICHT!

Das antidemokratische Potenzial sozialer Medien

11.06.2015 Ein Beitrag von Maria Birnbaum für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Beitragsbild_BirnbaumSoziale Medien als Allheilmittel für kränkelnde Demokratien haben sich längst als naive Hoffnung entpuppt. Der rosige Traum einer digitalen Demokratie, mit informierten Bürgern und deliberativen Prozessen, ist ausgeträumt. Die Gesellschaft ist nicht politischer geworden, die Politik nicht transparenter und die Wirkung sozialer Medien auf das politische Klima bleibt minimal. Vielmehr wird langsam klar, dass in sozialen Medien reale Gefahren für die Demokratie lauern. Beispiele muss man nicht lange suchen, rechtspopulistische Bewegungen wie die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes oder die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) sind bekannt für fremdenfeindliche und menschenverachtende Hetze auf Facebook.

Digitale Hetze

Im deutschsprachigen Raum veranschaulichen das zum Jahreswechsel 2014/15 PEGIDA. Die Bewegung schreibt sich eine generelle Unzufriedenheit und einen Vertrauensverlust in das System auf die Fahnen. Sie üben Kritik an der Politik, den Medien und der europäischen Flüchtlings- und Asylpolitik. Die Medien gelten als von der Politik gleichgeschaltete Mittäter und werden als „Lügenpresse“ diffamiert (vgl. Mondorf 2015: o.S.). PEGIDA agiert hauptsächlich über soziale Medien und konzentriert sich dort auf die Netzwerkbildung sowie die Verdichtung und Aufrechterhaltung der gemeinsamen Feindbilder. Hier werden gemeinsam Bestätigungen für die „Islamisierung“, die „Lügenpresse“, das Versagen der Politik und die Flüchtlingsproblematik konstruiert. Nicht selten mit menschenfeindlicher, nationalistischer und rassistischer Tonalität. Auch die FPÖ landete aufgrund der einschlägig rechten und menschenfeindlichen Parolen und Kommentaren auf ihrer Facebook-Seite regelmäßig in den Schlagzeilen und zeigt damit nurmehr das fragliche Meinungsbild der Sympathisanten auf (derStandard 2015: o.S.).

Aus Hass wird Kunst

Diesem braunen Treiben auf Facebook nehmen sich zwei unabhängige Kunstprojekte an. Das Projekt „Liebe, Glaube, Hoffnung“ (http://0x0a.li/de/pegida-kommt-zu-wort/) der deutschen Künstler Gregor Weichbrodt und Hannes Bajohr sammeln 282.000 Facebook-Kommentare von PEGIDA Usern und versuchen so ein Abbild der Kommunikation zu schaffen. Die gesammelten Beiträge filtern sie anschließend nach den Themenbereichen Liebe, Glaube und Hoffnung. Auf ähnliche Weise geht das Kunstprojekt „Eau de Strache“ ( http://www.eaudestrache.at) eines Wiener Aktivisten vor. Darin werden alle Facebook-Beiträge der FPÖ-Bezirksorganisationen und deren Abgeordneten zu den Themen Migration, Regierung und Gender gesammelt und im Netz veröffentlicht. Die Ergebnisse der beiden Projekte sind erschreckend. Auf den Facebook-Seiten finden sich unzählige Hasskommentare und rassistische sowie menschenfeindliche Parolen: wie „Asylanten und Parasiten“, „Ausländer raus“ oder „Kameldreckfresser“ sind dabei vergleichsweise harmlos.

Hassreden und rechte Parolen

So genannte Hassreden stellen eine Problematik in sozialen Netzwerken dar. Sie dienen dazu sprachlich Feindbilder gegenüber Minderheiten wie Juden, Linken, Homosexuellen, Muslimen und Flüchtlingen aufzubauen und zu verbreiten. Sprachliche Ausdrücke sind dazu ein wirkungsvolles Mittel, sie knüpfen an Begebenheiten an, verarbeiten und deuten sie (vgl. Netz gegen Nazis 2015: o.S.). Sie zielen darauf ab, eine ideologische Deutungshoheit für sich zu gewinnen und Solidarisierungseffekte zu produzieren, die auch nicht rechte Bürger einfangen sollen. Hassreden sind damit nicht nur ein Problem des kommunikativen Umgangs, sondern auch zentral an der Erzeugung des Hasses und der dafür notwendigen Denkmodelle beteiligt (vgl. ebd.).

Damit ist die Ernsthaftigkeit dieses Kommunikationsverhaltens klar; Gruppierungen wie PEGIDA und die FPÖ entfalten in sozialen Netzwerken eine gefährliche Wirkung. Postings und Kommentare dieser Art, die klar diskriminierend und rassistisch sind, können eine breitere Öffentlichkeit erreichen und das Meinungsbild der Gesellschaft verzerren. Sie zeigen, dass soziale Medien wie Facebook auch deutlich antidemokratische Kräfte hervorbringen können und sich in den ausdifferenzierten Strukturen der sozialen Netzwerke deutliche Gefahren für eine demokratische Gesellschaft verbergen. Problemstellungen dieser Art nimmt sich auch die Kommunikationswissenschaft zunehmend an. Ein idealer Weg für den Umgang ist jedoch bislang noch nicht gefunden. Die beiden Kunstprojekte zu PEGIDA und der FPÖ leisten einen wichtigen Beitrag, denn sie machen die Inhalte, die in diesen Gruppen kommuniziert werden, sichtbar und so für eine breite Öffentlichkeit zugänglich. Sie halten fest, welche problematischen Denkmodelle die Hetze von PEGIDA oder der FPÖ hervorbringen und können so ein größeres Bewusstsein für die Problematik rechter Hetze in sozialen Medien erzeugen.

Artikel als PDF

Quellen:

Mondorf, Hans-Joachim (2015): Früchte des Zorns. Online unter: https://www.freitag.de/autoren/hjmondorf/fruechte-des-zorns [04.06.2015].

Der Standard (2015): Neue Website sammelt Hasspostings auf Facebook Seite von FPÖ. Online unter:http://derstandard.at/2000015888650/Neue-Website-sammelt-Hasspostings-auf-Facebook-Seiten-der-FPOe [04.06.2015].

Pegida kommt zu Wort (2015): Online unter: http://0x0a.li/de/pegida-kommt-zu-wort/ [04.06.2015].

Eau de Strache (2015): Online unter: http://www.eaudestrache.at [04.06.2015].

Netz gegen Nazis (2015): Strategien und Typologisierung von Hate Groups. Online unter: http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/strategien-und-typologisierung-von-hate-groups-10309 [04.06.2015].

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s