„Leben im 2. Weltkrieg“ – live im Fernsehen

20.05.2015. Ein Beitrag von Katharina Köhn und Hannah Lindermayer für die Forschungsgruppe Medienwandel.

 

Foto_Lindermayer_köhnAm 23. Mai 2015 startet im tschechischen Fernsehen die historische Reality-Show „Urlaub im Protektorat“. Am Experiment nimmt eine siebenköpfige Familie teil: Sie wird zurückversetzt in die Zeit des Nationalsozialismus. Man fragt sich: Muss das sein?

Serienmotto „Willkommen in der Hölle“

Das Motto ist Programm: ständige Angst vor Übergriffen, willkürliche Verfügungen, rationierte Lebensmittelkarten – Leben nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in der Tschechoslowakei. Mittendrin eine Familie aus Nordböhmen, die Großeltern, die Eltern Ivana und Milda, die zwei Söhne Marek und Kuba sowie ein Neffe leben in der Show auf einem abgelegenen Bauernhof. Zurückversetzt ins Jahr 1939 und ohne moderne Errungenschaften, wie wir sie heute schätzen.

Es könnte ein interessantes Zeitexperiment sein. Doch die Familie lebt die Zeit im Protektorat unter nationalsozialistischer Kontrolle nach. Das Ganze scheint 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs äußerst makaber zu sein und ist dennoch bitterer Ernst im TV-Alltag. Schon jetzt sind die Meinungen über die Reality-Show mehr als gespalten. Die einen empfinden es als Hohn denjenigen gegenüber, „die diese schreckliche Zeit wirklich durchleben mussten“ (ORF 2015: online), ein anderer ist tatsächlich neugierig darauf (vgl. ORF 2015: online).

Reality-Shows keine Seltenheit

“Urlaub im Protektorat” ist keineswegs das erste TV-Experiment. Seit den 2000er Jahren sperren Fernsehsender immer wieder Menschen ein, um deren Reaktionen auf unterschiedlichste Experimente in großen TV-Shows zu zeigen.

Der Startschuss im deutschen Fernsehen fiel im Jahr 2000 als sich bei „Big Brother“ eine Gruppe von Menschen mehrere Monate in Container einsperren ließ. Genau wie die österreichische Show „Taxi Orange“, die aufgrund niedriger Einschaltquoten nur zwei Staffeln durchhält. 2004 startete auf Pro7 die Show „Die Alm“. Hier lebten acht mehr oder weniger Prominente auf 1775 Metern Höhe abseits der modernen Zivilisation auf einer Südtiroler Alm. Und erst kürzlich starteten bei „Newtopia“ 15 Teilnehmer mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Vorstellungen, die ein Jahr lang als Pioniere eine neue Existenz aufbauen.

Grenzenloser „Schmarrn“?

Warum sich Menschen freiwillig einsperren lassen, ist schon eine Frage wert. Warum aber auch noch die ganze Welt dabei zusieht, verdient auf jeden Fall eine Antwort. Mehr oder weniger viele Zuschauer verfolgen die Shows – trotzdem werden sie lange Zeit nicht abgesetzt und eher durch noch verrücktere Formate ersetzt. „Die Alm“ findet beispielsweise 2005 eine Art Fortsetzung mit gleichem Konzept, aber in einer anderen Zeit. „Die Burg“ versammelt 12 Prominente eingeteilt als Adelige oder Pöbel auf einer mittelalterlichen Burg. Die Show hat kaum Einschaltquoten, eine Fortsetzung bleibt den Zuschauern also erspart. Die umstrittenste Form im deutschen TV ist eindeutig das „Dschungelcamp“. Trotzdem läuft die Show seit neun Staffeln äußerst erfolgreich, die Zuschauer lieben die Show und ihr Format.

Doch wie weit darf Fernsehen gehen? Wie weit gehen die Zuschauer noch mit? Darf Fernsehen eine der schlimmsten und grausamsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte möglichst real nachstellen und nochmals aufleben lassen?

Reality-Shows: Teil der Populärkultur

Durch die meist hohen Einschaltquoten und den oft breiten Diskurs in den Medien und bei den Zuschauern sind Reality-Shows Teil der Populärkultur geworden. Auf der Jagd nach Einschaltquoten nutzen die gewinnorientierten Fernsehsender die Beliebtheit dieser Formate aus. Ihnen sind die Inhalte meist egal, denn nur die Quoten zählen. “So wird das Unterhaltungsprogramm nicht anhand von Ereignissen ausgewählt, sondern anhand von Marktforschungsdaten, die eine optimale Akzeptanz des Programms und damit die Legitimation durch die Quote absichern sollen. Unterhaltungsproduktion ist somit […] ergebnisorientiert.” (Altmeppen/Lantzsch/Will 2010: 23)

Genau diese Annahme entspricht der Kritischen Theorie (1968) nach Max Horkheimer und Theodor Adorno und ihrer Auffassung von Populärkultur (vgl. Kramp 2015: 208f.). “Sie verstanden Populärkultur als die Gesamtheit industrieller Güter, die insofern eine kulturzersetzende Wirkung hätten, als dass sie das Individuum den kommerziellen Zielen des herrschenden Kapitals unterwürfen.” (Kramp 2015: 209)

Hier widerspricht ihnen das Konzept der Cultural Studies, die den Zuschauern durchaus Entscheidungsmacht zusprechen. Die Zuschauer können durch ihre Art der Medienaneignung den Inhalten Bedeutung zuschreiben. So steht es den Zuschauern frei, Medienformate zu rezipieren oder zu ignorieren. (Vgl. Kramp 2015: 209f.) Sinkende Einschaltquoten und die daraus resultierenden Konsequenzen haben schlussendlich die Fernsehsender zu tragen.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf bleibt die Frage, wie weit Fernsehen noch gehen dürfe, dennoch unbeantwortet. Ist es tatsächlich vertretbar eines der schlimmsten und grausamsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte möglichst real nach zu stellen und nochmals aufleben zu lassen?

Es könnte wirklich ein interessantes Zeitexperiment sein. 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges ist das Thema Geschichtsaufarbeitung immer noch aktuell. Aus heutiger Sicht lässt sich diese Zeit schwer nachvollziehen. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, Interviews mit Experten und Menschen, die die Zeit erlebt haben, tragen zur Aufarbeitung des Themas bei.

So ist die Show vielleicht als Chance zu sehen – eine Chance, mehr Zuschauer zu erreichen, als klassische Dokumentationen es können. Eine Chance, der Geschichtsdarstellung ein neues, wirksames Format zu geben und sie erlebbarer zu gestalten.

Bislang ist die Gestaltung der Show noch unbekannt – es kann also nur spekuliert werden. Falls sie diese Bedingungen allerdings nicht erfüllt und nur die Unterdrückung, die Ausbeutung und das Zur-Schau-Stellen der teilnehmenden Familie im Vordergrund steht, ist die Show eine Verhöhnung. Eine Verhöhnung derjenigen gegenüber, die die Zeit tatsächlich durchleben mussten. Dann bleibt zu hoffen, dass kaum Menschen dieses geschmacklose Showformat im Fernsehen mitverfolgen.

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Quellen:

Altmeppen, Klaus-Dieter/Lantzsch, Katja/Will, Andreas (2010): Das Feld der Unterhaltungsbeschaffung und –produktion. Sondierungen eines ungeordneten Bereiches. In: Latzsch, Katja/Altmeppen, Klaus-Dieter/Will, Andreas (Hg.): Handbuch Unterhaltungsproduktion. Beschaffung und Produktion von Fernsehunterhaltung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 11-35.

Buß, Christian (2015): Tschechische Reality-Soap: Nazi-Besatzungszeit aus „Big Brother“-Perspektive. Online unter http://www.spiegel.de/kultur/tv/reality-soap-ueber-nazi-besatzung-der-tschecheslowakei-a-1033483.html (15.05.2015).

Feuß, Sebastian (2011): Braucht die TV-Branche einen Benimm-Kodex? In: werben&verkaufen, 52. Jg., H. 33, S. 40.

Frankfurter Allgemeine Zeitung (2015): Willkommen in der Hölle. „Urlaub im Protektorat“. Online unter http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tschechische-reality-serie-urlaub-im-protektorat-13589537.html (15.05.2015).

Kramp, Leif (2015): Populärkultur. In: Hepp, Andreas/Krotz, Friedrich/Lingenberg, Swantje/Wimmer, Jeffrey (Hg.): Handbuch Cultural Studies und Medienanalyse. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 207-218.

Laux, Andreas (2011): Karrierelahm und euterwarm. „Die Alm“ kommt zurück. Online unter http://www.focus.de/kultur/kino_tv/die-alm-kommt-zurueck-karrierelahm-und-euterwarm_aid_652769.html (15.05.2015).

ORF (2015): Tschechische Reality-Show versetzt Familie in Nazi-Zeit. Online unter http://orf.at/stories/2278477/ (14.05.2015).

Stern.de (2015): Reality-TV-Serie schickt Familie in die Nazizeit. Online unter http://www.stern.de/kultur/tv/reality-serie-schickt-familie-zurueck-in-nazizeit-2193541.html (15.05.2015).

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