Berichten, ohne dass es etwas Neues zu berichten gibt

14.04.2015. Ein Beitrag von Maria Birnbaum für die Forschungsgruppe Medienwandel.

news-677408_640Sensationsgeil, käuflich oder manipulativ: Auf ihren Online-Plattformen sind die Mainstream-Medien derzeit mit einer Flut an Kritik konfrontiert.

Das Unbehagen gegenüber der Art und Weise der Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine entzündete sich mit zunehmender Schärfe im Netz, die Journalisten standen für ihre Artikel im Kreuzfeuer der Kritik. Es schien beinahe so, egal was berichtet wurde – es wurde von den Lesern als unmoralisch, sensationsgeil oder gar als unwahre Information eingestuft. In den Kommentarfunktionen häufen sich Aussagen von Usern, die den Wahrheitsgehalt der journalistischen Beiträge massiv anzweifeln. Die Medienschaffenden fangen an, sich in der Kommentarfunktion zu verteidigen und zu rechtfertigen. Das zeigt, dass der Vorwurf der Unglaubwürdigkeit bei den Journalisten einen Nerv getroffen hat.

Citzien Journalism: mögliche Lösung?

Jan Fleischhauer, Journalist bei Spiegel Online, widmete sich Anfang April in seinem Kommentar diesem Thema. Dabei ging es darum, welche Rolle Alternativmedien und Citizen Journalism beim Vertrauensverlust spielen. „Seine Autorität leiht sich der Alternativjournalismus von der schweigenden Mehrheit, die er vertritt. Vom ‚Citizen Journalism‘ sprechen die Verfechter, was so klingt, als ob man sich nur von der Medienelite zurückholt, was diese einem gestohlen hat. Der letzte Schrei bei diesem als Selbstermächtigung gefeierten Bürgerjournalismus sind Livestream-Apps wie Periscope oder Meerkat, die aus jedem mit einem Smartphone einen Berichterstatter machen“ (Fleischhauer 2015). Des Weiteren wirft er dem Bürgerjournalismus vor, ein Geschäftsmodell daraus kreiert zu haben, den Alt-Medien ihren Untergang vorherzusagen. Es findet sich viel Wahres in seinem Kommentar, doch greift er zu kurz: rein mit den Alternativmedien und ‚Citizen Journalism‘ kann man das sinkende Vertrauen der Rezipienten in etablierte Medien nicht erklären.

Ursache der Vertrauenskrise

Die Gründe für das sinkende Vertrauen in etablierte Medienunternehmen sind schnell geklärt. Arbeitsplätze werden durch das Internet sowie durch die sinkenden Auflagenzahlen bedroht und die etablierten Medien verlieren durch das Internet auch ihr Meinungsbildungsmonopol. Alles muss sofort berichtet werden, die Geschwindigkeit des Internets hilft der Qualität der Berichterstattung nur wenig. Die Berichte werden im Ton spitzer, die Recherchearbeit immer weniger und das Abschreiben von anderen Medien gehört mittlerweile zum Alltag: So veröffentliche die Kronen-Zeitung und die Tageszeitung Österreich ein unverpixeltes Bild des Ko-Piloten der Germanwings-Maschine auf ihren Titelseiten, was von anderen einfach übernommen wurde. Fatal: Das war das Portrait einer unbeteiligten Person, die nur den gleichen Namen wie der Ko-Pilot hat. In den Kommentaren wurde dies heftig diskutiert: von unmoralischem Verhalten sowie vom Verstoß gegen die Medienethik reichte das Spektrum.

Kein Wunder daher, dass Rezipienten im Netz die Kommentarfunktion dazu verwenden, um darauf hinzuweisen, dass der Wahrheitsfindung nicht genüge getan wird. Die junge Generation verlässt sich zunehmend auf die eigene Recherche im Netz oder auf Alternativmedien. Weltweit verlassen sich bereits 72 Prozent der Nutzer unter 30 Jahren auf die Dienste von Suchmaschinen. Dieser Trend ist auch in Deutschland beobachtbar: Nur noch 66 Prozent der Befragten halten traditionelle Medien für glaubwürdig – zum Vorjahr sind dies um ganze 11 Prozent weniger. (vgl. Trust Barometer 2015). Für diese Studie wurden 6.000 Personen zwischen 25 und 64 Jahren befragt, wie sehr sie unterschiedlichen Informations- und Newskanälen trauen.

Wut auf „die da oben“

Will man zusammenfassen, was die Kritiker an den Mainstream-Medien vereint, ist es wohl die Wut auf „die da oben“ (vgl. Fleischauer 2015). Waren früher Politiker im Visier, sind es heute die Journalisten selbst. In den Kommentaren wird klar, dass die Rezipienten nicht mehr alles unkritisch annehmen und die Art und Weise der Berichte – die Sensationsgeilheit und das ‚Ausschlachten‘ von Emotionen – nicht in Ordnung finden: Es wird berichtet, ohne dass es noch etwas zu berichten gibt. Kurz nach dem Absturz erweisen sich vermeintliche Mitschnitte des Stimmrekorders der Maschine als Fälschung, welche jedoch von mehreren Medien sofort übernommen wurden. Augenzeugenberichte wurden eins-zu-eins in Artikeln veröffentlicht, ohne jemals wirklich die Aussagen zu hinterfragen. Auf „Telepolis“, einer der bekanntesten Websites der alternativen Pressewelt, ist der Hype um die  Germanwings-Katastrophe dazu da, „um eine der größten Rufmord-Kampagnen in der Geschichte der Informationsindustrie zu entfachen“ (vgl. Wolff 2015).

Natürlich wollen die Medien besonders bei so großen Geschichten schnell und immer top-aktuell sein. Fast jede Nachrichtenseite hat Live-Ticker zu Events und Katastrophen eingerichtet: im Minutentakt kommen Meldungen ohne wesentlichen Inhalt – es wird berichtet, ohne etwas Neues zu berichten. Die Recherche und die objektive Berichterstattung kommen zu kurz und die Glaubwürdigkeit sinkt. Es ist unklar, ob die etablierten Medien im Gegensatz zum Anstieg der Nutzung von Suchmaschinen den Trend wieder umkehren können, um im Rennen um die meiste Glaubwürdigkeit international wieder die Nase vorn zu haben. Besonders die junge Generation verlässt sich auf ihr eigenes Urteil und recherchiert selbst nach Informationen im Internet. Durch diese Eigenrecherche können viele falsche Berichte entlarvt werden und diese Wut wird dann in den Kommentaren zum Ausdruck gebracht.

Die Qualität etablierter Medien muss hoch gehalten werden, und Berichte sollen objektiv und faktenorientiert bleiben – ohne (un)beteiligte Menschen und Gerüchte für eine Story ‚auszuschlachten‘. Und wenn in der Tagesschau der zehnte Bericht zu dem Absturz gesendet wird und man Touristen an x-beliebigen deutschen Flughäfen nach ihrer Meinung fragt, ist es Zeit zum Umdenken. Hier kann nicht mehr von objektiver Berichterstattung gesprochen werden, sondern von ‚Ausschlachtung‘ tragischer Ereignisse. Dies ist die Kernursache des sinkenden Vertrauens – und die Rezipienten wehren sich mit ihren Kommentaren.

Doch jede Bewegung hat ihren Turning-Point. Schenkt man alternativen Medien Glauben, dann wurde der Umkehrpunkt mit der Germanwings-Katastrophe erreicht, wobei den Rezipienten klar wurde, wie unglaubwürdig traditionelle Medien sein können. Ob mit dem Flugzeugabsturz auch ein Absturz des klassischen Journalismus einhergegangen ist, wird sich zeigen. Um die Leser-Kommentare zusammenzufassen: Journalisten schreiben doch eh was sie wollen.

Artikel als PDF

Quellen:

derStandard. (27. März 2015). Krone und Österreich zeigen Unbeteiligten als Copiloten. Abgerufen am 31. March 2015 von http://derstandard.at/2000013530856/Flugkatastrophe-Krone-und-Oesterreich-zeigen-Unbeteiligten-als-Copiloten

Edelman Trust Barometer. (2015). Edelman Trust Barometer 2015. Abgerufen am 8. April 2015 von http://www.edelman.de/de/news-pressemitteilungen/edelman-trust-barometer-2015-die-deutschen-haben-angst-vor-innovationen-vertrauen-in-wirtschaft-ngos-und-medien-schwindet

Fleischauer. (2015). Der Schwarze Kanal: Die da oben schreiben doch eh, was sie wollen. Abgerufen am 8. April 2015 von http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischhauer-ueber-alternative-medien-4u9525-andreas-lubitz-a-1027302.html#js-article-comments-box-pager

Wolff, E. (2015). Telepolis: Was steht hinter der Rufmord-Kampagne der Mainstream-Medien? Abgerufen am 8. April 2015 von http://www.heise.de/tp/artikel/44/44541/1.html#

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