Datenspeicherung im Namen des Kulturerbes

16.2.2015. Ein Beitrag von Theresa Fleißner für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Seit Jahrzehnten bemühen sich Organisationen, wie etwa die UNESCO, unser kulturelles Erbe durch Digitalisierung zu bewahren und durch digitale Bibliotheken der globalen Gemeinschaft zugänglich zu machen. Google Boss Vint Cerf zeigt ein durchaus berechtigtes Problem auf: es gibt keine ‚zeitlose‘ Methode zur Datenarchivierung.

Vor diesem Problem hat wohl ein jeder schon einmal gestanden: eine alte Diskette, eine Kassette aus Kindertagen, die zufällig beim Ausmisten des Dachbodens auftauchen. Was wurde wohl auf diesen Medien gespeichert? Viele Erinnerungen sind mit diesen ausgelaufenen Modellen zur Datenspeicherung verbunden. Ob sich auch wichtige Informationen auf diesen Speichergeräten verbergen, kann kaum mehr herausgefunden werden. PCs besitzen längst keine Disketten-Laufwerke mehr und die, die noch eine Stereoanlage zu Hause haben und ihre Musik nicht streamen, besitzen wohl dennoch keinen Kassettenrekorder mehr.

Wie also auf die Daten auf solch alten Fundstücken zugreifen? Für Normalverbraucher ist das kaum mehr möglich. Google-Vize Vint Cerf warnt nun vor einen „forgotten century“ (Guardian): zukünftige Generationen könnten nicht mehr auf Daten zugreifen, da Programme und Hardware veralten.

Ein vergessenes Jahrhundert durch ‘bit rot’

Durch sogenannten „bit rot“, ein Prozess bei dem Computer Hard- und Software zu nutzlosem Müll verkommen, warnt Vint Cerf beim Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Science, würden wir einer vergessenen Generation, ja sogar einem vergessenen Jahrhundert entgegensteuern. Bedenkt man die Menge an Daten, die Tag für Tag weltweit produziert wird, und die Anzahl an bereits jetzt unbrauchbarem Datenmaterial durch veraltete oder auch nicht mehr kompatible Software, so ist die Gefahr eines massiven Datenverlustes für den „Vater des Internets“ nicht nur drohend, sondern auch sehr wahrscheinlich.

Jetzt ruft er dazu auf, neue Programme zu entwickeln, die all diese täglich produzierten Daten in ‚zeitloser‘ Form speichern können. Dies liege in der Verantwortung der zeitgenössischen Historiker, „to preserve material considered important by today’s standards“ (Guardian). Andernfalls würden wir ein schwarzes Loch an Information schaffen und so wertvolle Teile unserer heutigen Kultur und unserer Gesellschaft verlieren.

Wissensverlust ist kein neues Problem

Die Angst vor dem Verlust von Wissen ist nicht neu. Organisationen, wie zum Beispiel die UNESCO bemühen sich seit Jahrzehnten, das kulturelle Wissen von Gemeinschaften zu bewahren und durch Digitalisierung großflächig abrufbar zu machen. Die Initiative der UNESCO für Open Access to Scientific Information ist nur ein Beispiel umfassender Strategien zur Bewahrung von Wissen, Information und Kultur. In diesem Zusammenhang wird immer wieder darüber diskutiert, welches Wissen, welche Information es wert sind, bewahrt zu werden. Wer aber darüber entscheidet, welches Wissen es wert ist, bewahrt zu werden ist der kritische Punkt. In vergangenen Jahrhunderten waren es stets elitäre Gruppen in Gesellschaften. So finden sich in alten Bibliotheken oft Briefe von Königen, von Politikern, von gesellschaftlich angesehenen Personen. Nur wenige persönliche Schriften von ‘Normalbürgern’ haben es in diese Ruhmeshallen geschafft. Es sind also gesellschaftlich mächtige Personen, die über das Wissen von Generationen entscheiden können.

Michel Foucault ist wohl einer der bekanntesten Theoretiker, vor allem in der Kommunikationswissenschaft, die sich mit dem Verhältnis von Wissen und Macht auseinandergesetzt haben. Wissen wird in diskursiven Formen wesentlich generiert und geordnet. Die Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit von Aussagen innerhalb von Diskursen werden von außen zugeschrieben. Wer sich in einer gesellschaftlichen Machtposition befindet – sei es nun politisch oder auch ökonomisch – hat die Autorität, die Macht solche ernsthaften Aussagen zu tätigen. Andererseits haben diese Personen auch die Macht, Aussagen Glaubwürdigket und Ernsthaftigkeit zu verleihen. (Vgl. Jäger 2008)

Oft aber wurde der Wert unzähliger Informationen erst Jahrhunderte, manchmal sogar Jahrtausende später erkannt. Vieles wird auch heute noch durch Zufall entdeckt. Googles Philosophie hierzu ist altbekannt: jedes einzelne Stückchen Information eines jeden Menschen speichern und archivieren – und das über die Lebenszeit hinaus, nämlich für immer. Denn, so Cerf, Privatsphäre sei ohnehin eine Anomalie, die in der Realität kaum noch erreichbar wäre (siehe Business Insider).

Datenspeicherung als Argument für den Erhalt unserer Kultur

Der Internet-Konzern selbst geht mit großen Schritten der Mega-Archivierung entgegen: schon im vergangenen Herbst wurde in der Süddeutschen berichtet, dass Google das Löschen von Emails ganz abschaffen will und stattdessen für Archivierung plädiert. Nun, so scheint es, hat der Konzern ein weiteres Argument gefunden, das die uneingeschränkte Sammlung und Archivierung privater Personendaten rechtfertigt.

Das Argument, dass Speichermedien, die nur mit spezieller Hardware einsehbar ist, nach einiger Zeit nicht mehr brauchbar sind, ist durchaus berechtigt. Alte Disketten, Hörkassetten oder auch VHS Aufnahmen sind an spezielle Hardware gebunden, die heute in kaum einem Privathaushalt mehr zu finden sind. Deshalb aber auch Emails, Tweets oder Instagram-Fotos speichern zu wollen, ist dennoch nicht zu rechtfertigen – außer für den rein privaten Gebrauch. Bei Google scheint dies doch eher weniger der Fall zu sein. Cerf vergleicht dies mit den zahllosen Brief-Konversationen, die in Museen und Bibliotheken bewahrt werden. Während der Durchsicht privater Briefe von Persönlichkeiten haben Historiker oft wichtige Erkenntnisse über geschichtliche Ereignisse erlangt.

Bewahrung durch Open Source Software

Andere Zugänge scheinen vielversprechender, da sie zur Überbrückung des digital divide beitragen können. Als digital divide wird die Kluft bezeichnet, die sich aus ungleichen Zugangsmöglichkeiten zu digitalen Angeboten und Geräten zwischen Menschen bildet. Ein privilegierterer Teil von Menschen hat dabei umfassenderen Zugang, während ein weniger privilegierter Teil keinen oder nur sehr eingeschränkten Zugang hat. Zugänge zur Wissensbewahrung, die die digitale Kluft schließen könnten, betreffen weniger die online Speicherung persönlicher Emails oder Fotos, aber mehr die Software-Seite zur Datenverarbeitung. Eine flächendeckende Einführung von Open Source Software, mit der ältere Dateiformate problemlos geöffnet werden können, wird dafür entwickelt.

So gibt es zum Beispiel das amerikanische Internet Archive. Das Internet Archive bietet eine groß angelegte digitales Software Kollektion, in der nicht nur alte Spiele-Klassiker gespeichert und öffentlich zugänglich werden, sondern in der Open Source Software Collection anbietet. Diese macht es Usern möglich, Kopien von Software digital zu speichern und der globalen Community zugänglich zu machen. Alle enthaltenen Programme sind Teil einer Open Source Software Initiative.

Solch eine Bewegung hin zu Open Source Software, also nicht-kommerziellen Programmen, die universell kompatibel und nicht von kostenpflichtigen Aktualisierungen abhängig sind, wäre sehr wünschenswert. Denn derzeit sind alle User von kommerziellen Anbietern, wie zum Beispiel Microsoft oder Apple abhängig. Software (und Hardware) sind teuer zu erwerben und deren Aktualisierungen ebenso. Erst kürzlich gab Microsoft bekannt, dass der Support für Windows XP nun endgültig eingestellt wird. Wollen User ihre Programme also weiterhin einwandfrei nutzen können, so müssen sie wohl oder übel ihr Betriebssystem teuer updaten.

Gäbe es also Software-Formate, die auf nicht-kommerzieller Basis Daten verarbeiten können, würde auch der Austausch von Daten auf globaler Ebene erleichtert. Es würde eine Basis geschaffen, auf der unsere ‘digitale Kultur’ festgehalten werden könnte. So eine Open Source Software, die sowohl für Betriebssysteme, als auch für Programme nicht-kommerzielle Lösungen zur Verfügung stellt und noch dazu mit anderen kommerziellen Programmen kompatibel ist, scheint da wohl zu gut um wahr zu sein. Im Sinne eines offenen und frei zugänglichen Internets, so wie es von Seiten der Behörden gerne gesehen würde, im Sinne der Gleichberechtigung und der Chancengleichheit, wäre ein Open Source Standard sehr wünschenswert. Realistisch scheint dies aber (noch) nicht.

pdf zum Download

Quellen:
Der Standard (2015): Googles Vint Cerf warnt: Alles digitale Wissen könnte verloren gehen. In: Der Standard, vom 15.2.2015. Online unter <http://derstandard.at/2000011730236/Googles-Vint-Cerf-warnt-Alles-digitale-Wissen-koennte-verloren-gehen>.
Edwards, Jim (2013): Google’s Top Futurist Says Your ‚Privacy May Be An Anomaly‘. In: Business Insider, vom 21.11.2013. Online unter <http://www.businessinsider.com/google-vinton-cerf-declares-an-end-to-privacy-2013-11?IR=T>
Gibbs, Samuel (2015): What is ‚bit rot‘ and is Vint Cerf right to be worried? In: The Guardian, vom 13.2.2015. Online unter <http://www.theguardian.com/technology/2015/feb/13/what-is-bit-rot-and-is-vint-cerf-right-to-be-worried>.
Jäger, Siegfried (2008): Diskurs und Wissen. Theoretische und methodische Aspekte einer Kritischen Diskurs- und Dispositivanalyse. In: Keller, Reiner: Handbuch sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Theorien und Methoden. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 83-114.
Sample, Ian (2015): Google boss warns of ‚forgotten century‘ with email and photos at risk. In: The Guardian, vom 13.2.2015. Online unter <http://www.theguardian.com/technology/2015/feb/13/google-boss-warns-forgotten-century-email-photos-vint-cerf>.
Tanriverdi, Hakan (2014): Bloß nichts löschen. In: Süddeutsche.de, vom 28.10.2014, online unter <http://www.sueddeutsche.de/digital/neuer-maildienst-inbox-von-google-bloss-nichts-loeschen-1.2195662&gt;.

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