DIY-Vernetzung: Mexiko’s Landbevölkerung baut eigenes Handynetz

09.02.2015. Ein Beitrag von Patrick Freitag und Kay Müller für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Smartphone und Internet sind unverzichtbar in unserem heutigen Alltag. Doch was tun, wenn die Nutzung nur bedingt oder gar nicht möglich ist? Diese Situation trifft trotz globaler Vernetzung auf etliche Teile der Welt zu. Besonders betroffen sind dabei ländliche Gebiete, da diese für Netzwerkanbieter nicht gewinnbringend sind. Folglich werden auch heute noch viele Bürger weltweit von einer modernen Kommunikationsstruktur ausgeschlossen.

Lückenhafte Netzstruktur

Orte wie San Juan Yaee in Mexiko sind auffällige Beispiele für fehlende Infrastruktur und schlechte Vernetzung. Wollen die Bewohner hier ihr Mobiltelefon nutzen, müssen sie auf günstige Wetterverhältnisse hoffen oder einen Hügel erklimmen, um ein funktionierendes Netz zu erhalten. Gründe für die lückenhafte Netzstruktur sind die geringe Bevölkerungsdichte und die schlechte geografische Lage von Orten wie Yaee. So müssen Menschen in abgelegenen Teilen des Landes für ihren Netzzugang selbst aufkommen und das, obwohl sich nicht einmal jeder Einwohner ein Mobiltelefon leisten kann. Die Kosten von rund 5.300 Euro für einen Funkturm kann kaum eine Ortschaft aufbringen.

Dass Mexikos Telekommunikationsindustrie von Medienmogul Carlos Slim Helú gesteuert wird, erschwert die Lage zusätzlich. Seit in den 1980er Jahren aufgrund einer Reform die staatliche Kontrolle über den Telekommunikationsmarkt in die Hände des Milliardärs Slim fiel, änderten sich die ohnehin schwierigen Verhältnisse für die Bewohner des Landes abermals. So zahlen Menschen hohe Preise im Mobilfunkbereich, bekommen dafür jedoch nur sehr wenig bis gar keine Leistung. Dies verdeutlichte sich anhand einer Untersuchung im Jahre 2011 durch die International Telecommunication Union. Zu diesem Zeitpunkt nutzten lediglich 55 % der Mexikaner ein Mobiltelefon. Zurückzuführen ist dies auf das Ungleichgewicht zwischen Zugang und Preis im Bereich Telekommunikation.

Digital Divide

Der fehlende Zugang zu vorhandener Kommunikationstechnologie kennzeichnet ein markantes Problem des modernen Fortschritts. In der  Kommunikationswissenschaft ist dieses als digitale Spaltung (eng.: Digital Divide) bekannt. “‚Digital Divide‘ bedeutet, dass die Verbreitung des Internets sozial und bildungsmäßig ungleich erfolgt ist.“ (Bonfadelli 2008: 269). Oft sind es soziale Missstände, ungleiche Machtverhältnisse, hohe Lebenshaltungskosten oder fehlende Ressourcen, die den Menschen den nötigen Zugang zu Information und Kommunikation versperren, so die Informationswissenschaftlerin Dr. Viola Trkulja (2010: 75-78). Wie schwierig die Überwindung des digitalen Ungleichgewichts auch im Jahr 2015 noch ist zeigt das Beispiel aus Mexiko.

Doch wie sehen nun mögliche Lösungsvorschläge aus? Entscheidend ist, dass der Telekommunikations- und Wirtschaftsmarkt grundsätzlich allen Menschen geöffnet werden muss. Freier Zugang zu Kommunikation darf kein Fremdwort mehr sein. Durch freien Meinungsaustausch ist eine gesellschaftspolitische Mitgestaltung von Bürgern im Staat zu erreichen, nicht durch Ausschluss und Zensur.

Netzausbau durch Demokratisierung

Dass das Problem der digitalen Spaltung auch aufgrund staatlich unabhängiger Maßnahmen gelöst werden kann, zeigt sich anhand der mexikanischen Ortschaft San Juan Yaee. Seit 2014 besitzt diese nun einen eigenen Funkturm, welcher aus Altmetall zusammengeschweißt wurde. Peter Bloom hat es mit seiner Non-Profit-Organisation namens Rhizomatica den etwa 500 Einwohnern ermöglicht diesen zu bauen und zu günstigen Tarifen telefonieren zu können. Zukünftig sollen noch weitere Projekte dieser Art durch die Organisation realisiert werden.

Ziel des Projektes ist es die wichtigsten Technologien des 21. Jahrhunderts auch in abgelegenen Gebieten des Landes einzuführen. Bloom und seine Mitarbeiter folgen dabei der Auffassung:

”[…] if you really want to make the benefits of cell phones available to the people who need them most, it’s not enough to democratize the hardware by making the phones themselves super cheap. You have to democratize the infrastructure, the network itself.”

Rhizomatica zeigt Initiative und sorgt für einen ersten Ansatz von Demokratisierung. Denn erst mittels Information und Telekommunikation können die Menschen am Meinungsbildungsprozess teilnehmen und politische Entscheidungen treffen. Den Gedanken Menschen in abgeschiedenen Teilen der Welt kostengünstige Technik anzubieten, fassen immer mehr Wirtschaftsmächte in diesem Bereich. Mobilfunk-Unternehmen sehen dabei vor allem in Teilen Asiens und Lateinamerika hohes Potential neue Innovationen in Sachen Telekommunikation zu verwirklichen.

Mobile Kommunikation für Alle

Es gibt jedoch Möglichkeiten, wie sich Bürger abgelegener Regionen selbst helfen können – zum Beispiel mittels eigenem Handynetz wie etwa OpenBSC. Der Begriff steht für “Open Base Station Controller” und bezeichnet ein offenes Netzwerk, welches mithilfe alter Basisstationen betrieben wird. Hinter dieser Idee steckt der deutsche Hacker Harald Welte. Diese Stationen sind seit 2006 über das Online-Portal ebay erhältlich und erlauben es dem Nutzer ein eigenes Netz zum Senden und Empfangen von Signalen zu betreiben.

Aufgrund fehlenden Kapitals leben solche Innovationen jedoch hauptsächlich von Spenden. Durch die Umsetzung dieses Vorhabens sind fortan auch Fernanrufe möglich, wodurch die Landbevölkerung besser Kontakt zu Verwandten und Freunden in den Städten halten kann.
Auch Bloom hat das OpenBSC Verfahren für sein Unternehmen Rhizomatica entdeckt. Der Aktivist hat ähnliche Erfahrungen in Nigeria gesammelt und gesehen dass es auf Eigeninitiative ankommt. Zu jener Zeit protestierten die Bewohner des Niger Deltas gegen ortsansässige Ölfirmen. Kontaktaufnahme und Informationsaustausch unter den Protestanten wurde jedoch durch politische Maßregelungen und hohe Nutzungskosten nahezu unmöglich gemacht. Die Lösung für dieses Problem fand Bloom in Form eines so genannten “mobile mesh network” (dt.: mobiles vermaschtes Netz). Bei dieser Netzstruktur können mobile Endgeräte direkt miteinander verbunden werden, ohne dafür eine fixe Basisstation zu benötigen. Zwar sind die Nutzer dadurch unabhängig von staatlich regulierten Netzwerken, doch sind solche Netzstrukturen nur bedingt funktionsfähig.

So gut die technischen Errungenschaften wie Smartphones auch sind, so sind diese nur sinnvoll nutzbar, wenn Infrastruktur geschaffen und vor allem nicht vorsätzlich blockiert wird. Ein Anschluss der ländlichen Bevölkerung an das Leben im 21. Jahrhundert ist neuerdings mit DIY-Methoden möglich – dank vereinfachter und zugänglicher Technik. Eine dezentrale Machtverteilung, was die Versorgung der Menschen mit Informationen und Kommunikation betrifft, ist wünschenswert. Die Kontrolle über ihre eigene Infrastruktur macht die Landbevölkerung rund um den Globus ein Stück mündiger und demokratischer.

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Literatur:

Bonfadelli, Heinz (2008): Theoretische Bezüge der Medienpädagogik. In: Sander, Uwe/Gross, Frederike von/Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.) (2008): Handbuch Medienpädagogik. Heidelberg: VS Verlag.

Golem (2015): Harald Weltes Sysmocom verkauft freie GSM-Basisstation. Online unter http://www.golem.de/news/sysmobts-harald-weltes-sysmocom-verkauft-freie-gsm-basisstation-1205-91914.html (07.02.2015).

ITWissen (2015): Vermaschte Struktur. meshed topology. Online unter http://www.itwissen.info/definition/lexikon/Vermaschte-Struktur-meshed-topology.html (07.02.2015).

Open BSC. Online unter: http://openbsc.osmocom.org/trac/ (08.02.2015)

Standard (2015): Mexiko: Wenn Bürger eigene Mobilfunknetze bauen. Online unter: http://derstandard.at/2000010644645/Mexiko-Wenn-Buerger-eigene-Mobilfunknetze-bauen (06.02.2015).

Trkulja, Viola (2010): Digitale Kluft. Bosnien-Herzegowina auf dem Weg in die Informationsgesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

University of Western Cape (2015): Peter Bloom. Online unter http://www.uwc.ac.za/Biography/Pages/Peter-Bloom.aspx (07.02.2015).

Wade, Lizzie (2015): Where Cellular Networks Don’t Exist, People Are Building Their Own. Online unter http://www.wired.com/2015/01/diy-cellular-phone-networks-mexico/ (07.02.2015).

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