RTL, mach mich zu einem besseren Promi

02.02.2015. Ein Kommentar von Maria Birnbaum und Andy Vuia für die Forschungsgruppe Medienwandel

Das Bootcamp hat Pause

Zwei Tage nach dem Ende des boulevardesken RTL-Bootcamps “Ich bin ein Star, Holt mich hier raus!“, steht die Gewinnerin fest: Maren Gilzer. Wer? MAREN GILZER!

Während ein klassisches Bootcamp kriminelle Menschen durch fragwürdige Methoden zur Läuterung bewegen soll, um ihnen so zu einem “besseren” Leben zu verhelfen, hoffen die “Insassen” des Dschungelcamps auf einen Karriereschub nach Ende der Show, so auch die frisch gekürte Dschungelkönigin.

Da die diesjährige Staffel laut Medien aber alles andere als unterhaltsam war, wird nun darüber nachgedacht eine Sommerstaffel in Südeuropa zu produzieren, um eine Vorauswahl der Kandidaten treffen zu können, die dann im australischen Dschungelcamp um Ruhm kämpfen darf.

Wer hat gewonnen?

Maren Gilzer war 10 Jahre lang als “Glücksradfee” auf SAT.1 zu sehen und drehte das Glücksrad schwindelig. Nach ihrem Ausstieg begann sie, in diversen Serien, Filmen und Shows mitzuspielen. Gleichzeitig mischte sie die “Modewelt” auf und verkauft ihre eigene Schmuck- und Kleiderkollektion auf Europas wohl größtem Shoppingsender QVC. Falls der Eindruck nicht täuscht, dürften es also nicht die tiefen finanziellen Existenzängste gewesen sein – die so viele Camp-Kandidaten plagen – die Gilzer zur Teilnahme an dem Trash-Format bewegten. Nun zu der eigentlichen Sache, dem TV-Format und seinem Erfolg.

Kampf um den Aufstieg

Obwohl aus etlichen Medien wie Zeitung, Radio und TV Jahr für Jahr zu hören und zu lesen ist, wie “Langweilig” oder “Erniedrigend” diese Sendung sei, schalten wohl immer noch genügend Zuschauer ein, um das Format rentabel zu machen. Die finale Sendung am Samstagabend (31.01.2015) verbuchte 7,43 Millionen Zuschauer. Die Show befindet sich mittlerweile in der neunten Staffel und wurde 2004 das erste Mal ausgestrahlt. Sofort folgten etliche Debatten, die vor allem die Frage aufwarfen, ob das “Dschungelcamp” menschenverachtend sei. Trotz dem schlechten Image (oder gerade wegen?) bleibt die Show ein Zuschauerliebling und hat folglich auch für die Sender nicht an Attraktivität verloren. Doch wie kommt es eigentlich zu diesem Erfolg? Der Soziologe Pierre Bourdieu könnte mit seinen Begriffen „Soziale Klassen“ und „Habitus“ einen Aspekt liefern, der zur Erklärung beiträgt.

Das Verhalten jedes Menschen ist durch seine bisherigen sozialen Erfahrungen geprägt und gleichzeitig durch seine Umwelt. Diese sozialen Erfahrungen werden beispielsweise durch ihre Klasse bestimmt. So kann der Mensch in der Gesellschaft eingeordnet werden. Die meisten Dschungelcamp-Teilnehmer teilen die Klasse eines “relativ erfolglosen Promis” – bei allen campinternen Streitigkeiten eine einende Gemeinsamkeit. Ein Mensch entwickelt abhängig von seiner Klassenlage einen bestimmten Habitus und er braucht diesen Habitus, um zu der Klasse, in der er aufgewachsen ist oder die er erreicht hat, dazuzugehören, und um faktisch als Mitglied dieser Klasse akzeptiert zu werden. (vgl. Krais/Gebauer, 2002: 37) Durch die Teilnahme am Dschungelcamp versuchen die Z-Promis also diesen Klassenstatus zu ändern und aufzusteigen. Dieser Aufstieg macht sich dann durch Engagements, finanzielle Vorteile und durch Ansehen bemerkbar.

Das Dschungelcamp offeriert also einen “sozialen Wiederaufstieg”. Nicht umsonst müssen sich die Kandidaten würgend durch Insektennahrung, Känguruhoden oder Kamelpenis beißen, sich von Schlangen und anderem Getier erschrecken lassen, um Sterne zu sammeln, damit die gesamte Gruppe etwas anderes als Haferschleim zu Essen bekommt.

Es geht also in gewisser Weise immer um den Kampf zwischen Arm und Reich. Wer arm ist und nichts erreicht bekommt Haferschleim, wer mehr leistet, bekommt besseres! Bourdieu vergleicht am Beispiel “Essen” den Unterschied von Klassen, die des Bürgertums und die des Kleinbürgertums. Während das Proletariat das Essen als notwendig betrachtet, wird es in höheren Klassen wie der Bourgeoisie, als Genuss betrachtet. Er unterscheidet zwischen „goût de nécessité“ und „goût de luxe“, also zwischen Notwendigkeit und Luxus. Der Starfaktor der den Kandidaten seitens RTL zugeschrieben wird, vermittelt dieses Klassendenken. Dem Zuschauer soll gezeigt werden, dass die Kandidaten im Dschungelcamp eigentlich besser sind als sie aber diese Klasse nicht halten konnten und kaum etwas wert sind. Der Wiederaufstieg zu etwas “Besserem” ist nur durch den Kampf im Bootcamp-Dschungel wieder möglich – die letzte Chance zum Wiederaufstieg.

Fazit

Der von uns unterstellte Voyeurismus der Zuschauer trägt sicherlich zu dem Erfolg der Sendung bei. Die künstlich erschaffene Welt, in der sich die Z-Promis gegenseitig bekämpfen, entblößen, selbst erniedrigen und streiten, zeigt dem Zuschauer berechenbare aber auch unberechenbare Momente des Klassenkampfs. Diese Welt weckt das Interesse des normalen, scheinbar kleinen Bürgers. Das Proletariat entscheidet über den Aufstieg und bestimmt wer den Promistatus wieder zurückerlangt und ob dieser im Wesentlich verdient ist. Diese Macht scheint das wesentliche Erfolgsrezept zu sein. Der diesjährige Ruf der Medien und Zuschauer nach weniger Langeweile, brachte die Idee einer Sommerausgabe. Zu wenig Streit, keine Romanzen, keine wirklich neuen Ekelprüfungen scheinen eine zuschauergesteuerte Vorauswahl für RTL notwendig zu machen, nachdem die Quoten im Vergleich zur letzten Staffel leicht gefallen sind. Für RTL stellt sich einzig und allein die Frage, wie die Zuschauer am “Machtspiel” weiter Freude empfinden können und RTL gleichzeitig auf seine Marktanteile kommt. Wie das zu beurteilen ist, bleibt letztlich den Zuschauern überlassen. Wir glauben weiterhin: Es ist kein notwendiges TV-Format ! !

pdf zum Download

Quellen:
Krais, Beate/Gebauer, Gunter, 2013: Habitus. Transcript Verlag, Bielefeld. 6. Auflage
Stern Online. Damit es nie wieder so langweilig wird. Wer soll nächstes Jahr ins Dschungelcamp? Online unter: http://www.stern.de/kultur/tv/dschungelcamp/dschungelcamp-damit-es-nie-wieder-so-langweilig-wird-wer-soll-2016-zu-ich-bin-ein-star–2169766.html (01.02.2015)
Süddeutsche Zeitung. Im Fegefeuer der Selbsterniedrigung. Online unter: http://www.sueddeutsche.de/medien/dschungelcamp-huch-es-lebt-1.1877049-3 (01.02.2015)
Primetime-Check: Samstag, 31. Januar 2015. Online unter: http://www.quotenmeter.de/n/76060/primetime-check-samstag-31-januar-2015 (01.02.2015)

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