Nachrichten aus dem Rucksack: Videos erobern den Zeitungsmarkt

26.01.2015. Ein Beitrag von Carina Wiesinger und Susanne Praß für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Online-Videos erleben einen Boom – und das macht den Zeitungen Druck. Viele bieten deshalb auf ihren Onlineportalen neben Texten auch Videos an, nicht zuletzt auch beim “Charlie Hebdo”-Attentat in Paris. Doch das Budget ist knapp. Videobeiträge werden zwar sehr gerne konsumiert, sind allerdings in der Produktion um einiges aufwändiger und teurer als rein schriftliche Beiträge. Die Folge ist: Medienunternehmen greifen gerne auf fertige Beiträge großer Agenturen zurück und so sieht man häufig überall die selben Inhalte. Hier wittert der ehemalige ORF-Journalist und heutige Medienentrepreneur Harald Hackenberg nicht nur ein großes Geschäft, sondern auch bahnbrechende Innovationsmöglichkeiten für den Journalismus und die Medienunternehmen.

FastCast – Nachrichten vom Fließband

Gemeinsam mit einem Entwicklungsteam für technologiegestützte Medienprojekte entwickelte Hackenberg eine neue Video-Aufnahmetechnik, das sogenannte FastCast.  Dieses futuristische System wurde im Herbst letzten Jahres mit dem Medienzukunftspreis 2014 ausgezeichnet. Zu den Kunden des Unternehmens zählen unter anderem der Kurier und das Horizont Magazin.

Die Idee des FastCast ist simpel: Hackenberg geht es um “die industrielle Produktion von Videoberichten. In industrieller Geschwindigkeit und Menge und letztlich auch zu industriellen Kosten.” (Hackenberg 2015 im Interview mit dem Kurier). Hauseigene Reporter sollen Nachrichten wie am Fließband produzieren. Ausgestattet werden sie mit einem sieben Kilo schweren Kamerarucksack, mit dem sie kurze Videosequenzen, Interviews und Livekommentare vor Ort aufnehmen und sofort verschicken können. Jeder Clip wird in einem Stück aufgenommen. Zeit- und kostenintensive Nachbereitungen wie Schnitt und Nachvertonung entfallen dadurch komplett. Innerhalb von Minuten können die Videos an Medienpartner versendet und auf ihren News-Seiten online gestellt werden. Die redaktionelle Freigabe übernimmt Hackenberg dabei höchstpersönlich aus dem mobilen Büro via iPad. Dabei bewertet er die Videobeiträge auf einer Skala von 0-100. Bekommt ein Video von ihm 50 Punkte oder mehr, wird es sofort an den Kunden weitergeleitet.

Die FastCast-Videos dauern allerdings nicht länger als 73 Sekunden (exklusive Werbung und Vorspann), dann wird automatisch die Aufnahme gestoppt. Eine mehr als enge Zeitvorgabe: Ein Nachfragen oder Anknüpfen an eine Frage ist in dieser kurzen Zeitspanne nicht möglich und der automatische Abbruch führt zu journalistischen Einschränkungen. Doch Hackenberg weiß: Die permanente Informationsflut hat auch beim Konsumenten ihre Spuren hinterlassen. Immer mehr Studien warnen vor kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen. Der Ökonom Georg Franck (1998) beschreibt die Aufmerksamkeit als ein immer knapper werdendes Gut im Informationszeitalter. Mit der zunehmenden Vernetzung und den neuen Medien sinken die Kosten für Information und Unterhaltung. Die Aufmerksamkeit wird dadurch zu einer neuen Währung, die begrenzt ist.

„Wir sind zu einer Content-Fabrik geworden”, so der Geschäftsführer von FastCast. Zur Zeit beschäftigt das Unternehmen über zwei Video-JournalistInnen, die gemeinsam etwa 600 Clips produzieren – pro Monat! Neben Schnelligkeit und günstigen Preisen verkauft Hackenberg die Exklusivität seiner Berichte, denn die günstigen Produktionsbedingungen lassen auch Berichte über Themen zu, die es mit klassischen Methoden nicht in die Nachrichten geschafft hätten. In Anbetracht dieser Massenproduktion und der vorgegebenen maximalen Sendedauer drängt sich die Frage auf: bleibt da nicht die journalistische Qualität auf der Strecke? Klar ist: Hackenberg ist ambitioniert! Mit FastCast will er international erfolgreich werden und hat bereits versucht, den deutschen Axel Springer Verlag mit ins Boot zu holen. Hier ist er jedoch gescheitert. Die Beiträge können weder den technischen, noch den journalistischen Ansprüchen des deutschen Medienhauses genügen.

Das Konzept der Zukunft?

Ungeachtet der qualitativen Kritikpunkte ist die Unternehmensidee rein wirtschaftlich gesehen durchdacht. Die Medien, und damit sind nicht nur Zeitungen gemeint, durchleben seit einigen Jahren einen tiefgreifenden Transformationsprozess. Durch das Internet wachsen Print, Audio und Video mehr und mehr zusammen. Journalisten sollen heute “trimedial” arbeiten – also für Zeitung, Fernsehen und Online-Medien. Die immer größer werdende Informationsflut treibt die Medienunternehmen immer mehr an und erhöht den Druck auf die Journalisten, eine Meldung als erstes zu bringen. Das Konzept des Rucksack-Journalisten ist allerdings nichts neues, denn VJs (also Videojournalisten) produzieren schon lange Beiträge, indem sie gleichzeitig filmen, Interviews führen und dazwischen den Beitragstext sprechen. Und auch hier hat sich gezeigt, dass die journalistische Tiefe leidet, wenn eine Person alles gleichzeitig erledigen muss. Trotzdem arbeiten die meisten privaten Lokal- und Regional-TV-Stationen damit.

Eine externe Agentur, die die Medienhäuser hier entlastet, könnte also helfen, den Druck zu verringern. Eine Verbesserung ist allerdings nur dann denkbar, wenn FastCast den eigentlichen Journalismus nicht ersetzt, sondern maximal ergänzt. Außerdem: Video-Material existiert heutzutage im Überfluss. Die Aufgabe der Journalisten soll auch sein, das bestehende Material zu kuratieren, zu gewichten und gegebenenfalls zu publizieren. So muss die neue Form des Video-Journalismus aussehen, ohne zusätzliches Video-Material wie am Fließband produzieren zu müssen.

pdf zum Download

Quellen:
Essbach, Steffen/Zuber, Matthias (2014): FastCast: Nachrichten-Videos am Fließband. Online unter: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/FastCast-Nachrichten-Videos-am-Fliessband-,fastcast100.html (23.01.2015).
FastCast Homepage/Partner: http://www.fastcast.at/index.php/partners (23.01.2015).
Futurezone (2015): Fastcast wird Medien-Zukunftspreis verliehen. Online unter http://futurezone.at/digital-life/fastcast-wird-medien-zukunftspreis-verliehen/86.293.220
http://mokant.at/1410-fastcast-journalismus-content-online-news/ (23.01.2015).
Franck, Georg (1998): Ökonomie der Aufmerksamkeit: Ein Entwurf. München: Carl Hanser Verlag.
Loudon,Sebastian (2015): Mehr als Nerds mit Rucksack. Online unter: http://www.horizont.at/home/medien/detail/mehr-als-nerds-mit-rucksack.html?cHash=0904852be46fbe75dc010602d986077f (23.01.2015).
Sadrozinski, Jörg (2015): Wozu noch Journalismus, wozu noch Journalisten? Überlegungen zur Zukunft der „4.Gewalt“. Online unter: http://www.kfj.at/journalismus/vortraege/wozu-noch-journalismus/ (23.01.2015).
Umbach, Günter (2014): Erfolgreich als Medical Advisor und Medical Science Liaison Manager. Wie Sie effektiv wissenschaftliche Daten kommunizieren und mit Experten kooperieren. Wiesbaden: Springer Fachmedienverlag, S. 85ff.

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