Ein Anschlag auf die Pressefreiheit

12.01.2015. Ein Beitrag von Patrick Freitag und Kay Müller für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Als am 7.1.2015 zwei maskierte Männer das Redaktionsbüro der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo stürmen, werden zwölf Menschen tödlich und zehn weitere schwer verletzt. Eine kritische Auseinandersetzung mit islamischer Religionskultur war für die Täter der Anlass das Attentat zu begehen. Anschläge wie dieser machen deutlich, dass Pressefreiheit in vielen Fällen mit Risiken verbunden ist.

Die gesamte Welt blickt zur Zeit nach Paris. Es ist nicht das erste Mal, dass religiöser Fanatismus Journalisten das Leben kostet. Seit 1992 erscheint das Satiremagazin Charlie Hebdo mit einer wöchentlichen Druckauflage von 60.000 Exemplaren. Die Zeitschrift wurde in den letzten Jahren vor allem aufgrund seiner Karikaturen zum islamischen Propheten Mohammed bekannt und gilt oftmals als umstritten.

Der Vorsitzende der österreichischen Journalistengewerkschaft, Franz C. Bauer, bringt es auf den Punkt: „In den vergangenen Jahren war zu beobachten, dass der Druck auf kritische Medien zunimmt.“ Motive steigender Gewaltbereitschaft gegenüber dem Journalismus führt er hierbei auf die kritische Auseinandersetzung mit Politik und Religion zurück. „Es wird immer gefährlicher, kritische Meinungen zu veröffentlichen, was ein größeres Maß an Mut von Journalisten erfordert”, so Bauer. Wie gefährlich kritischer Journalismus tatsächlich ist, zeigen Beispiele aus der Vergangenheit.
Im Jahr 2004 tötete ein Extremist den niederländischen Islamkritiker Theo van Gogh, weil dieser einen Film über die Unterdrückung islamischer Frauen mitfinanzierte. Auf den schwedischen Mohammed-Karikaturisten Lars Vilks setzte eine al-Quaida Gruppe 2007 sogar ein Kopfgeld aus, bevor drei Jahre später zwei Männer Benzinflaschen durch das Fenster seines Hauses warfen. Und auch das Magazin Charlie Hebdo war bereits mehrfach Ziel von Brandanschlägen, zuletzt 2011, als am gleichen Tag ein satirischer Artikel zum Wahlerfolg der Islamisten veröffentlicht wurde.

Journalisten öfter Zielscheibe

„Wer Journalisten tötet, zielt auf das Herz der Demokratie“ sagt Thomas Kralinger, Präsident des Verbandes Österreichischer Zeitungen (VÖZ), und fährt fort: „Wenn Medienmitarbeiter um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie ihrem Job nachkommen und Kritik äußern, ist die Freiheit der Gesellschaft in Gefahr.“ Kritische und polarisierende Artikel stoßen oftmals öffentliche Diskussionen an, an deren Ende nicht selten politische Entscheidungen stehen. Wären diese Themen von Medien nicht kritisch hinterfragt worden, wären sie wohl nicht Teil der politischen Agenda geworden. Oftmals fällt es jedoch schwer einzuschätzen, ob es sich bei kritischem Journalismus in Form von Satire um mediatisierte Kulturfeindlichkeit oder aber um eine intelligente Ausdrucksform der Pressefreiheit handelt.

Der Anschlag in Paris ist eindeutig ein Angriff auf diese Pressefreiheit und zeigt die unveränderte Bereitschaft mit Gewalt und Terror auf kulturelle Kritik zu reagieren. Dies wird vor allem anhand zahlreicher Entführungen und Ermordungen als Folge journalistischer Tätigkeiten deutlich. Die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) verzeichnet in ihrer Jahresbilanz von 2014, dass 139 Journalisten und 20 Bürgerjournalisten vor Drohungen, Gewalt oder staatlichen Repressalien ihr Land verlassen mussten. Im selben Jahr wurden 66 Journalisten aufgrund ihrer Arbeit getötet. Besonders hoch ist die Zahl journalistischer Opfer in Krisengebieten, wie Syrien oder Jemen.
Doch Terror kennt keine Staatsgrenzen und ist nicht vorhersehbar. So rätselt auch die tageszeitung, ob es denn heutzutage noch möglich sei, angstfrei zu schreiben. Eine mögliche Antwort auf solche Überlegungen liefert dabei die Initiative “Je suis Charlie” (dt. „Ich bin Charlie“): Menschen auf der ganzen Welt wollen mithilfe der Medien ein Zeichen für die Pressefreiheit setzen. Gleichzeitig verdeutlichen sie mit dieser Solidaritätsbekundung auch ihre Wertschätzung gegenüber kritischer und/oder satirischer Berichterstattung.

Medienwandel als Chance für den Terrorismus?

Dass sich Terroristen weltweit vernetzen und ihre ideologisch motivierten Gewalttaten präsentieren können ist auch der globalen Vernetzung unserer Medien und Gesellschaften zuzuschreiben. Ungeachtet ihrer (französischen) Staatsbürgerschaft ist anzunehmen, dass die Attentäter von Paris im Sinne eines internationalen Extremistennetzwerks handelten.
Unsere globalisierte Welt und die Verbreitung von medialen Inhalten durch das Internet und insbesondere durch Social media sorgen dafür, dass auch satirische Beiträge wie die Karikaturen von Charlie Hebdo aus dem kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Kontext gerissen werden können. Dass solche Beiträge von Menschen außerhalb dieses Kontextes schwer bis gar nicht toleriert werden, wurde durch das aktuelle Geschehen in Paris dramatisch klar gestellt.
Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist diese Entwicklung nicht neu. So bezeichnet beispielsweise Bernard Debatin die neuen Medien als Katalysator für die im Jahr 2005 entstandenen Konflikte um die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands-Posten. „As the example of the cartoons shows, information and images can propagate with tremendous speed over the whole word and trigger global unrest in a form that did not exist a few decades ago“ (Debatin 2007: 16). Durch die internationale Vernetzung der Medien hat die Veröffentlichung in Dänemark in Ländern, wie Pakistan, Proteste ausgelöst – und wurde Grundlage einer weltweiten politischen Debatte. Infolgedessen stellt sich die Frage: Tragen international vernetzte Medien und soziale Netzwerke tatsächlich zu einer Aufklärung der Gesellschaft bei? Oder werden damit extremistische Meinungen sichtbarer und die Vernetzung von Terroristen sogar einfacher?
Radikale Organisationen weltweit nutzen soziale Medien oder Online-Plattformen vermehrt als Mittel zur Mobilisierung. Moderne Medienstrukturen bieten schlussendlich unzählige neue Möglichkeiten, Menschen mit ähnlichen Einstellungen auf sich aufmerksam zu machen. So zeigt sich beispielsweise die Terrormiliz “Islamischer Staat” (IS) mit professioneller Medienkenntnis. Medien spielen hierbei eine wichtige Rolle um schreckliche Bilder aus den Krisengebieten als Propaganda-Mittel zu nutzen, um damit neue Anhänger zu rekrutieren (vgl. Sallioum 2015: o.S.).

Doch es wäre verfehlt, den Medien die Schuld an einem wachsenden Terrorismus zu geben. Dass Medien jedoch eine bedeutende Rolle für terroristische Netzwerke bieten, kann nicht geleugnet werden. Die Medien selbst sind also weder Chance noch Risiko, es ist der Umgang mit ihnen, der eine moderne Kultur stützen oder gefährden kann. Dass darüber hinaus die Reaktionen der Menschen auf Geschehnisse, wie in Paris, eine entscheidende Rolle spielen, ist anhand von “Je suis Charlie” deutlich erkennbar.
Meinungsfreiheit und Pressefreiheit dürfen auch in Anbetracht jüngster Ereignisse nicht an Bedeutung verlieren.
Denn nur durch den Austausch von Informationen und Meinungen kann sich eine mündige und informierte Gesellschaft herausbilden, die in der Lage ist demokratische Entscheidungen zu treffen. Dazu zählt auch Satire als besondere Form der Kritik.

Artikel als PDF
Literatur:
Debatin, Bernhard [Hrsg.] (2007): Der Karikaturenstreit und die Pressefreiheit: Wert- und Normenkonflikte in der globalen Medienkultur. Berlin: Lit-Verlag.

DpA (2015): Reporter ohne Grenzen: „Schwarzer Tag für die Pressefreiheit.“ Online unter http://www.salzburg.com/nachrichten/dossier/charliehebdo/sn/artikel/reporter-ohne-grenzen-schwarzer-tag-fuer-die-pressefreiheit-133807/ (08.01.2015).

Meier, Urs (2007): Meinungsfreiheit hat Vorrang. Geschürte Konflikte und falsche Diskussionen um die Mohammed-Karikaturen. In: Debatin, Bernhard (Hrsg.): Der Karikaturenstreit und die Pressefreiheit: Wert- und Normenkonflikte in der globalen Medienkultur. Berlin: Lit-Verlag, S.30.

Mülher, Silke/Heithecker, Marcus/James, Katharina (2015): Polizei will Geiselnehmer “neutralisieren”. Online unter http://www.welt.de/politik/ausland/article136113975/Polizei-will-Geiselnehmer-neutralisieren.html (09.01.2015).

Peternel, Evelyn (2015): Nach Attentat: Polizei durchkämmt Region in Nordfrankreich. Online unter http://kurier.at/politik/ausland/paris-zwoelf-tote-bei-anschlag-auf-redaktion-von-charlie-hebdo-verdaechtiger-stellte-sich-tatverdaechtige-offenbar-aufgespuert/106.694.189 (08.01.2015).

Reporter ohne Grenzen (2014): Jahresbilanz der Pressefreiheit 2014: Deutlich mehr Journalisten entführt/Doppelt soviele wie 2013 ins Ausland geflohen/Zahl der getöteten Journalisten weiterhin hoch. Online unter http://www.rog.at/ahresbilanz-der-pressefreiheit-2014-deutlich-mehr-journalisten-entfuhrt-doppelt-so-viele-wie-2013-in.html (08.01.2015).

Rüttenauer, Andreas (2015): Angriff auf die Pressefreiheit. Online unter http://www.taz.de/!152416/ (08.01.2015).

Sallioum, Raniah (2015): Terrororganisation IS: Islamisten gründen TV-Sender „Kalifat Live“. Online unter http://www.spiegel.de/politik/ausland/is-islamischer-staat-kuendigt-fernsehsender-kalifat-live-an-a-1013482.html (18.01.15).

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