Entstehung von Fremdenfeindlichkeit – die Verantwortung der Medien

06.01.2015. Ein Beitrag von Sabine Grießer und Sonja Pichler für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Die aktuelle Protestbewegung PEGIDA in Deutschland zeigt deutlich, wie tief die Angst vor Fremden in der Bevölkerung sitzt. Ein Ausdruck des Versagens von Politik und Medien – Ignoranz, Verzerrung und Mangel an Informationen als Motor von PEGIDA.

Es gibt kaum einen politischen Themenbereich der derart emotional und polarisierend diskutiert wird, wie Fremdenpolitik. Aktuell vergeht selten ein Tag, ohne einen Artikel zu diesem Themenbereich. Immer mehr Menschen aus Afrika oder aus Kriegsgebieten wie Syrien und dem Irak versuchen Europa zu erreichen, während die Angst vor der Islamisierung und Überfremdung in Europa immer weiter wächst.

Misstrauen gegenüber Politik und Medien

LaendergrafikIn der europäischen Bevölkerung wird diesen Menschen daher oft mit Ablehnung und Furcht begegnet. Besonders deutlich zeigt sich diese Skepsis durch die aktuelle Protestbewegung PEGIDA in Deutschland. Das gesellschaftliche Phänomen „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, kurz PEGIDA, wächst rasant. Anfang Dezember demonstrierten rund 15.000 Menschen in Dresden und ihre offizielle Facebook-Seite kann mittlerweile über 100.000 Fans verbuchen – Tendenz steigend. Dabei geht es nicht nur um die Angst vor der Islamisierung, sondern auch um die Kritik an der Politik im Allgemeinen sowie um das Misstrauen gegenüber den Medien. In den Diskussionen und Analysen zu PEGIDA, geraten Medien und Politik ins Kreuzfeuer der Kritik. Ein Vorwurf lautet, dass die Medien Mitschuld an der aufkochenden Angst und Wut gegen Fremde tragen. Der Bericht der International Organization for Migration (IOM) aus dem Jahre 2011 zeigt auf, dass im Allgemeinen Migration im öffentlichen Diskurs der jeweiligen Zielländer häufig als Belastung angesehen wird. Gründe dafür sind laut IOM, dass die BürgerInnen zu wenig über diese Problematik bzw. über diesen Politikbereich informiert sind, Informationen fehlinterpretieren oder vorgefertigte Meinungen wie die der Medien übernehmen. Die Konsequenz daraus ist, dass eine negative Haltung gegenüber Fremden beibehalten oder verstärkt wird. Zudem hat eine Untersuchung des European Social Survey (2002-03) gezeigt, dass der Anteil der Ausländer von der europäischen Bevölkerung im jeweiligen Land deutlich überschätzt wird (siehe Ländergrafik). “Communicating Effectively about Migration directly addresses the challenges faced in this era of globalization and unprecedented human mobility by calling for a fundamental shift in the way we communicate about migration. In order to benefit from the diversity that results from migration and to rise with the challenges generated by such diversity, an informed and transparent political and public debate must take place” (International Organization for Migration 2011: xiii).

Mediale Konstruktion der Realität

Eine wichtige Rolle im Diskurs über Migration nehmen Massenmedien und politische Akteure ein, da beide zentrale Quellen für die Meinungsbildung der BürgerInnen sind. Der Großteil der westlichen Gesellschaft nimmt Politik nicht unmittelbar wahr, vielmehr wird den BürgerInnen Politik durch die Medien vermittelt (vgl. Sarcinelli 1998: 702). Daher sind die BürgerInnen einer Gesellschaft auf die massenmediale Politikberichterstattung angewiesen. Medien konstruieren für ihre KonsumentInnen eine soziale Realität, indem sie gesellschaftliche Ereignisse oder Prozesse interpretieren, hervorrufen oder prägen (vgl. Krotz 2007: 27). Eine zentrale Rolle spielen in diesem Kontext die sogenannten „Frames“. Ihnen liegen reale Bezugsobjekte wie Personen, Ereignisse, Rollen oder Sachverhalte zugrunde, für die sie eingesetzt werden. Sie erleichtern und lenken die Interpretation wie auch Einordnung der Realität als eine Form der medialen Konstruktion der Wirklichkeit (vgl. Scheufele 1999:93).

Notwendiger Paradigmenwechsel

Die Medien müssen die Angst und Wut der BürgerInnen ernst nehmen und aufgreifen – PEGIDA nur als rechte Bewegung abzutun und Empörung darüber zu äußern, gießt nur noch weiter Öl ins Feuer. Die Medien müssen endlich Fakten liefern, denn von einer Islamisierung Deutschlands, kann bei Weitem nicht die Rede sein. „Im Kampf um Klicks, Quoten und Aufmerksamkeit hat sich gezeigt, dass die möglichst aufgeregte Meinung das nüchterne Reportieren von Fakten schlägt.“ (Winterbauer 2014). Im medialen Diskurs über Fremdenpolitik muss ein Paradigmenwechsel stattfinden: die Notwendigkeit von Migration und Integration muss der Bevölkerung neutral vermittelt werden. Das Einordnen und Erklären von Sachverhalten darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, denn wir leben in einer globalisierten Gesellschaft, bei der Migration ein fester Bestandteil von uns ist.

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Quellen:
European Social Survey (2002-03). In: Sides, John/Citrin, Jack (2014): Europe Opinion about Immigration: The Role of Identities, Interests and Information. British Journal of Political Science, Vol. 37, No. 3 (Jul., 2007), pp. 487.
International Organization for Migration (2011): World Migration Report 2011.Communicating effectively about Migration. Geneva: Imprimerie Courand et Associés.
Krotz, Friedrich (2007): Mediatisierung: Fallstudien zum Wandel von Kommunikation. Wiesbaden: VS Verlag.
Sarcinelli, Ulrich (1998): Politikvermittlung. In: Jarren, Otfried/Sarcinelli, Ulrich/Saxer, Ulrich (Hrsg.): Politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft. Ein Handbuch mit Lexikonteil. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 702-703.
Scheufele, Bertram (1999): (Visual) Media Framing und Politik. Zur Brauchbarkeit des Framing-Ansatzes im Kontext (visuell) vermittelter politischer Kommunikation und Meinungsbildung. In: Hofmann, Wilhelm (Hrsg.): Die Sichtbarkeit der Macht. Theoretische und empirische Untersuchungen zur visuellen Politik. Baden-Baden: Nomos, S. 91–107.
Winterbauer, Stefan (2014): Der blinde Fleck PEGIDA und was Politik und Medien tun müss(t)en. Online verfügbar unter: http://meedia.de/2014/12/18/der-blinde-fleck-pegida-und-was-politik-und-medien-tun-muessten/ (letzter Zugriff: 02.01.2014).

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