Personalisierte Zeitungs-App – Höre dir an, was Journalisten in ihren Artikeln schreiben.

22.12.2014. Ein Beitrag von Bastian Rörig und Isabella Stief für die Forschungsgruppe Medienwandel. 

Smartphones sind zu einem Massenmarkt gereift und die Apps die darauf verwendet werden, werden zu dessen Weltsprache. Derzeit stehen Mobile Apps für das dynamischste Distributionsmodell der Mediengeschichte. 2011 lag der Umsatz mit Smartphones alleine in Deutschland bei 4,1 Milliarden Euro und der von mobilen Datendiensten bei 7 Milliarden Euro. So nutzen in Deutschland monatlich 9,6 Millionen Menschen Applikationen für ihre Smartphones.

Laut dem Journalisten Ansgar Mayer stehen Applikationen für das Smartphone derzeit für das dynamischste Distributionsmodell der Mediengeschichte. Jeder kann sich unabhängig von Raum und Zeit über mobile Endgeräte mit dem Internet verbinden. Hierbei sind Apps durch die guten Netz- und mobilen Datendienste fast überall verfügbar und stillen den Bedarf nach Information, Orientierung, Kommunikation und Unterhaltung. Noch nie war es so bequem, sich ein individuell optimiertes Angebot auf sein Smartphone zu laden, beziehungsweise, es zu nutzen. Dabei verspricht sich der Nutzer von Apps einen inhaltlichen Mehrwert: Er will schneller Informationen bekommen oder direkt auf bestimmte Dinge – wie Nachrichten, Wetter oder Sportergebnisse – zugreifen können. Dies ist auch ein Beleg dafür, dass Smartphones und die dazugehörigen Apps eine neue Phase der Distribution und Informationsnavigation bestimmen. Das Smartphone wird auf Wunsch zu einem multimedialen Sendezentrum.

Die Zeitung im Ohr

Apps bieten zahlreiche neue Geschäftschancen. Auch der Erfolg des Hörbuchs Serial zeigt, auf welche Beliebtheit dieses Format momentan stößt. Umano reagiert auf diesen Trend und bietet mit einer Mischung aus Audiobook und Podcast eine Nachrichten-App an, in der aktuelle News aus dem Web vorgelesen werden. Diese App sucht mit Hilfe eines Algorithmus die beliebtesten Artikel im Internet und stellt diese als Podcast zusammen. Aktuelle Meldungen aus dem Internet werden also mit Hilfe von professionellen Sprechern in kurze Hörbücher verwandelt und lassen sich je nach Bedarf und Neigung vom User zu einer Playlist zusammenstellen. Was dabei entsteht kann als eine Art Hör-Zeitung verstanden werden.

Umano bietet derzeit Artikel aus den Bereichen Facts & History, Business, Entertainment, Entrepreneurial, Scientific, Lifestyle, Technology, World & Politics und Inspirational an. Um die passenden Neuigkeiten zu erhalten, legt man zu Beginn, ähnlich wie bei anderen Nachrichten-Aggregatoren, zunächst seine Interessensfelder fest.

Auch Zeitungsverlagen könnte Umano zusätzliche Absatzmöglichkeiten bieten. Bisher beruhte das Erlösmodell im Printbereich auf dem Verkauf von Anzeigen, dem Vertrieb und Einnahmen durch Werbung. Durch den Wegfall der Vertriebskosten im Internet kann dieses Erlösmodell nicht mehr funktionieren. Stephen Quinn, Professor für Journalismus an der Deakin University in Australien, und der Journalist Jeff Kaye, meinen dazu „The advertising and subscription business models that supported traditional media companies in the past appear unable to do so in the digital age.” (Kaye/Quinn 2010: 5) Zeitungsverlage müssen also neue Wege der Finanzierung beschreiten. Auch die Erwartungshaltung der Internetnutzer verschärft die Finanzierungsproblematik weiter. Ein zweites Standbein muss gefunden werden, welches die digitalen Erlösmodelle in den Vordergrund stellt. Umano scheint mit seinem Angebot den Nerv der Zeit getroffen zu haben: aktuelle Nachrichten, zugeschnitten auf die Interessen der Hörerschaft, empfangbar auf mobilen Endgeräten, und all das auch offline verfügbar für lediglich 3,99 $ pro Monat.

Wieviel Mensch steckt in einer App?

Was zunächst nach einer Revolution im digitalen Zeitungsmarkt klingt, birgt auch Gefahren. Umano verzichtete anfangs auf Autorenzeilen und Quellen zu den Artikeln. Viele Autoren haben erst durch Zufall erfahren, dass ihr Text vertont wurde. Laut eigenen Angaben planen die Macher der App nun, die Urheber der Texte langfristig finanziell zu beteiligen.

Aber nicht nur die fehlenden Quellenangaben führen dazu, dass das Konzept der „Zeitung im Ohr“ nicht ganz unumstritten ist. Das Unternehmen verwendet zur Auswahl der Nachrichten einen Algorithmus, welcher vollautomatisch die beliebtesten Artikel aus dem Internet zusammenträgt und diese dann an freie Sprecher schickt.

Der Name Umano kommt aus dem Italienischen und bedeutet „menschlich“. Hier stellt sich die Frage: Wie menschlich ist die Auswahl der Beiträge, die anschließend für die App eingesprochen werden, wirklich? Welche Artikel sind gesellschaftlich so relevant, dass man sie in kurze Hörbücher umwandeln soll?

Selektionsmechanismen, wie der Algorithmus von Umano, haben Einfluss auf die Rangfolge der Themenverteilung in den Medien, die sogenannte Medien-Agenda. Die Rezipienten halten die medial am häufigsten behandelten Themen für die wichtigsten. Doch wer darf bestimmen, welche Themen in den Medien präsent sind und welche in der medialen Berichterstattung untergehen?

Bedrohung für den unabhängigen Journalismus

Hierbei kommt die Frage auf, ob der unabhängige Journalismus und seine demokratiepolitischen Funktionen in Gefahr geraten. Dadurch, dass die Rangfolge der Themenverteilung und die wichtigsten Themen nicht mehr durch die Journalisten und die vorher angesprochene Medien-Agenda bestimmt werden, sondern durch eine App, wird vor allem die Informationsfunktion, die dem Journalismus inne ist, untergraben. Eine vollständige, sachliche und informelle Berichterstattung ist dann nicht mehr möglich und den Nutzern werden  wichtige Nachrichten und die breite Flut an Informationen vorenthalten. Das erschwert dem Rezipienten die Möglichkeit, soziale, politische und ökonomische Zusammenhänge zu verstehen, da ein Großeteil der Informationen durch den Algorithmus von Umano auf der Strecke bleibt.

pdf zum Download

Quellen:
Cheredar, Tom (2014): Umano now lets you narrate your blog posts and written articles. Online unter: http://venturebeat.com/2014/12/10/umano-now-lets-you-narrate-your-blog-posts-and-written-articles/ (19.12.2014).
Chill, Hanni / Meyn, Hermann (1996): Funktionen der Massenmedien in der Demokratie. In: Informationen zur politischen Bildung, Heft 260, 3/1996.
Kaye, Jeff / Stephen Quinn (2010): Funding Journalism in the Digital Age: Business Models, Strategies, Issues and Trends. New York: Peter Lang Publishing, Inc.
Mayer, Ansgar (2012): App-Economy. Milliardenmarkt Mobile Business. Online unter: https://www.m-vg.de/mediafiles/article/pdfdemo/978-3-86880-133-0.pdf (17.12.2014).
Miller, Ben (2013): Umano: Interessante Artikel und News professionell vorgelesen. Online unter: http://www.giga.de/apps/app-store/news/umano-interessante-artikel-und-news-professionell-vorgelesen-app-of-the-day/ (17.12.2014).
Schröder, Throsten (2014): Umano: Zeitung hören. Online unter: http://www.zeit.de/digital/mobil/2014-12/umano-vorlese-app-kritik (17.12.2014).

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