Das Hörspiel – Kopfkino im digitalen Wandel der Zeit

09.12.2014. Ein Beitrag von Carina Wiesinger und Susanne Praß für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Zur Adventszeit eine gute Nachricht: nicht alle traditionellen Medien sind in der Krise! Eines der ältesten feiert gerade erfolgreich sein 90. Jubiläum. Am 24. Oktober 1924 wurde das erste Hörspiel in Deutschland – und damit gleichzeitig auch im gesamten deutschsprachigen Raum – ausgestrahlt. Seitdem zählt der deutsche Sprachraum als Zentrum des Hörspiels. Die erfolgreichste Hörspielreihe der Welt ist die deutsche Serie “Die drei ???” – mit rund 40 Millionen verkauften Tonträgern. 

Seit ihren Anfängen schaffen Hörspiele durch akustische Inszenierungen ein ganzes Universum, bestehend aus mehreren Stimmen, Geräuschen und Musik. Kino im Kopf – alle hören das selbe, jeder sieht etwas anderes. Gerade im digitalen Zeitalter ein wahres Stück Kunst, bei dem man getrost die Augen schließen kann. In einer Gesellschaft, wo visuelle Präsentation immer wichtiger wird, macht vor allem die Reduktion auf das Gehör Hörspiele so interessant. Man kann sich dabei mehr auf den Inhalt konzentrieren, als bei Film und Fernsehen. Die vielen unterschiedlichen Spielformen, wie Kinder- oder Kriminalhörspiele, aber auch experimentelle Stücke fesseln die Fans.

Als das Radio zum Massenmedium wurde, avancierte das Hörspiel zur Volksunterhaltung. Im goldenen Zeitalter des Hörspiels, versammelten sich die Menschen vor den Geräten und ließen sich von den inszenierten Hörgeschichten in den Bann ziehen. Besonders gebannt folgte man 1938 der Sendung, in der Orson Welles die Science-Fiction Geschichte “Krieg der Welten” inszenierte. Die Produktion klang so real, dass sich viele Bürger bei der Polizei meldeten, weil sie wegen eines vermeintlichen Angriffs von Marsbewohnern beunruhigt waren. Panik lösen Hörspiele heute nicht mehr aus. Im Gegenteil, denn besonders beliebt sind sie als Unterhaltung im Kinderzimmer.

Hörspiele sind krisensicher

Noch immer also taugt diese Form des Geschichtenerzählens als Massenunterhaltung. Und heute hat diese Kunstform sogar noch mehr Potenzial. Denn Hörspiele werden nicht mehr nur im Radio oder auf CDs veröffentlicht – im Internet stehen sie als Podcasts zum Anhören und als Download bereit. Dem Marktforschungsunternehmen Edison zufolge haben 39 Millionen US-Amerikaner im vergangenen Monat einen Podcast gehört. Durch die neuen technischen Mittel, nicht nur zum Konsumieren, sondern auch zum Produzieren, ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Das Hörspiel scheint also nicht vom digitalen Zeitalter bedroht, sondern relativ krisensicher zu sein. Björn Akstina, Gründer der Internationalen Medienhilfe und Redakteur der unabhängigen Deutschen Hörspiel-Hitparade vermutet, dass die CD als Tonträger vielleicht nicht erhalten bleibe, am Fortbestehen des Hörspiels zweifelt er aber nicht.

In der schnelllebigen Gegenwart wird überall um Aufmerksamkeit geworben. Erstaunlich eigentlich, dass das bedächtige Hörspiel immer noch so geschätzt wird. In der ARD entstehen über 300 pro Jahr. Bis heute werden nirgendwo sonst auf der Welt so viele Hörspiele produziert, wie im deutschsprachigen Raum. Hörspiele erleben einen regelrechten Boom. In der Kommunikationswissenschaft geht man von einem aktiven Publikum aus, welches die Medieninhalte nach seinen Bedürfnissen aussucht und rezipiert. Menschen entscheiden aus der eigenen Interessens- und Bedürfnislage heraus, ob und was für ein Medienangebot sie nutzen. Für die Wissenschaft bedeutet dieser Nutzen- und Belohnungsansatz, dass Medien Funktionen übernehmen können, die abhängig von dem Bedürfnis und der Erwartung der Rezipienten sind. Die Stimmen im Hörspiel holen die Menschen aus ihrem Stress-Alltag heraus. Nach einem anstrengenden Arbeitstag fällt es oft leichter, einfach nur zuzuhören.

TV im Ohr: Hörspiele orientieren sich an Fernsehserien

Mittlerweile gibt es auch Filmhörspiele, zum Beispiel für den “Tatort”. Das Konzept des Radio Tatort gleicht dem der Tatort-Spielfilme im Fernsehen: Die neun Landesrundfunkanstalten der ARD produzieren abwechselnd Hörspiel-Folgen, in denen regionale Ermittlerteams Verbrechen aufklären – und das bereits seit 2008. Aber auch außerhalb des deutschsprachigen Raums finden Podcasts Anklang. Seit zehn Wochen zieht die US-Journalistin Sarah Koenig ihre Fans mit der Dokumentar-Serie “Serial” in den Bann. Ein realer Kriminalfall aufbereitet als spannendes Hörerlebnis. Jeden Donnerstag erscheint eine neue Folge, die zuverlässig bei den iTunes-Downloadcharts auf dem ersten Platz landet – auch in Deutschland. Laut Angaben der Produzenten wird jede Episode rund eine Million Mal heruntergeladen. Die einzelnen Folgen stellen, wie einst die Kapitel der Romane, Versatzstücke einer großen Erzählung dar, die man nicht versteht, wenn man eine verpasst. Koenigs Serie spannt aber eben nicht nur ihre Hörer auf die Folter. Sie selbst schwelgt in ihren eigenen Gefühlen, seufzt und lacht, ist enttäuscht oder begeistert. Ohne Zweifel liegt darin das Identifikationspotenzial und der Grund für den Erfolg des Podcasts.

Vor allem durch die Etablierung von Smartphones ist es einfacher geworden, immer und überall Podcasts zu hören, egal ob im Zug, beim Sport oder im Garten. In unserer digitalisierten Welt soll das auch möglichst unkompliziert und nur mehr mit einem Gerät geschehen. Hörspiele sind ein gutes Beispiel dafür, wie eine traditionelle Mediengattung den Wandel der Zeit durch Konvergenz überleben kann. Das goldene Zeitalter des Hörspiels geht also in die zweite Runde.

Und übrigens: “Die drei ???” ist das letzte Hörspiel, das auch heute noch als Kassette verkauft wird.

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Quellen:
Basic, Igor (2014): Das Hörspiel – es lebe das Kino im Kopf. Online unter: http://www.srf.ch/kultur/literatur/das-hoerspiel-es-lebe-das-kino-im-kopf (29.11.2014).
Fahrenbach, Christian (2014): Krimi-Doku “Serial”: Die nächste große Serie ist nur zum Hören. Online unter: http://www.rnz.de/medien/00_20141110124000_110783159-Krimi-Doku-Serial-Die-naechste-grosse-Serie-is.html (29.11.2014).
Fleischer, Marie-Thérèse (2014): 90 Jahre Hörspiele: Kein Aussterben in Sicht. Online unter: http://www.pressetext.com/news/20141024001 (29.11.21014).
Kuhn, Stefan (2014): Kostenloser Radio Tatort „Stand der Dinge“. Online unter: http://www.onlinepc.ch/internet/unterhaltung/kostenloser-radio-tatort-stand-der-dinge-823423.html (29.11.2014).
Stajl, Antje (2014): Wenn das Schicksal zur Show wird. Online unter: http://www.welt.de/kultur/medien/article134612899/Wenn-das-Schicksal-zur-Show-wird.html (29.11.2014).

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