Readly & Blendle – zwei digitale Kiosk-Modelle mischen den Zeitschriftenmarkt auf

10.11.2014 – ein Beitrag von Johanna Jung und Jennifer Woods für die Forschungsgruppe Medienwandel unter der Leitung von Prof. Josef Trappel.

Nachdem das Konzept eines verlagsübergreifenden, unabhängigen Online-Kiosks seit Jahren debattiert wird, versuchen sich zwei vielversprechende Start-Ups an dessen Umsetzung: das schwedische Readly und das niederländische Blendle.

Readly – auf den Spuren von Spotify
Das schwedische Readly wurde Ende 2012 von den Online-Unternehmern Joel Wikell und Henrik Barck gegründet und funktioniert nach dem ebenfalls schwedischen Spotify-Prinzip: Für eine monatliche Pauschale von umgerechnet 9,99 Euro eröffnet sich ein digitaler Super-Kiosk mit mehr als 700 Zeitschriften aus 7 Ländern. Für LeserInnen ausländischer Magazine entfallen somit die hohen Importpreise, welche sie womöglich vom Kauf der Printausgaben abgehalten hatten. Offenbar gefällt das „All you can read“-Prinzip, denn angeblich lesen viele Readly-AbonnentInnen zeitgleich bis zu acht Magazine. Damit konsumieren sie verglichen zu den Print-Versionen nicht nur deutlich mehr, sondern auch deutlich günstiger. Doch das Modell ist nicht nur für NutzerInnen attraktiv: Neben 70 Prozent der Abo-Einnahmen erhalten teilnehmende Verlagshäuser umfassende Nutzungs-Analysen, welche für Print-Medien unverhältnismäßig teurer und aufwendiger wären. Zudem lockt die hohe Verweildauer auf Readly.com das kriselnde Anzeigengeschäft mit reichlich Aufmerksamkeit.

Seit Ende Oktober 2014 ist der schwedische Online-Kiosk nun auch in Deutschland verfügbar. Aus akademischer Sicht sind Angebot und Aufbereitung jedoch eher enttäuschend. Nur knapp über 60 deutsche Titel sind bislang im Katalog gelistet, darunter größtenteils Klatsch und Quatsch für Hausfrauen und Hobbyisten. Verantwortlich für das unausgewogene Verhältnis zwischen Unterhaltung und Anspruch ist vor allem die Zusammensetzung der teilnehmenden Verlage: Bis auf wenige Ausnahmen stammt das gesamte Angebot aus den Häusern Bauer, Funke, IDG und Wellhausen&Marquardt. Die großen Kiosk-Bestseller von Burda oder Gruner+Jahr fehlen. Zudem gestaltet sich die Lektüre der Readly-Ausgaben wenig komfortabel: Alle Titel liegen ausschließlich im PDF-Format vor und sind nicht speziell für mobile Endgeräte aufbereitet bzw. ausgestattet.

Blendle – das iTunes für Magazine
Kleiner und feiner scheint die Alternative. Blendle wurde 2013 von den niederländischen Journalisten Alexander Klöpping und Marten Blankesteijn gegründet und wandelt auf gleichem Wege wie iTunes. Blendle-NutzerInnen erwerben demnach keine gebündelten Gesamtwerke, sondern einzelne Artikel. Diese kosten je nach Umfang 10 bis 80 Cent und können zu beliebigen Themen zusammengestellt werden. Blendle geht davon aus, dass die meisten LeserInnen ohnehin nach Interesse selektieren, statt jede einzelne Ausgabe ungefiltert zu konsumieren. Ähnlich nutzerorientiert ist die Community-Aufbereitung der Plattform: NutzerInnen können nicht nur Vorschau-Ausgaben durchblättern, Artikel suchen oder zusammenstellen, sondern auch teilen, weiterleiten und empfehlen. Außerdem erhalten sie bei der Registrierung 2,50 Euro Startguthaben und eine Geld-Zurück-Garantie. Letzteres hätten die beteiligten Verlage zunächst skeptisch betrachtet, doch bisher sollen nur drei Prozent der NutzerInnen von diesem Recht Gebrauch gemacht haben. Ein gutes Zeichen, denn Blendle verzichtet auf Werbefinanzierung und ist somit umso mehr auf seine 30 Prozent der Verkaufseinnahmen angewiesen.

Bisher agiert das niederländische Start-Up ausschließlich auf dem heimischen Markt, möchte der schwedischen Konkurrenz jedoch bald auf den internationalen Markt folgen. Die Aussichten stehen gut, haben die Medienkonzerne New York Times und Axel Springer doch vor Kurzem drei Millionen in das junge Unternehmen investiert. Trotz der bisherigen Erfolgsgeschichte bestehen aus medienökonomischer Sicht Bedenken: der niederländische Zeitungsmarkt ist im Gegensatz zu anderen europäischen Märkten wie etwa dem deutschen verhältnismäßig überschaubar. Hält Blendle dem intensiven Wettbewerb auf größeren Märkten stand? Will Otto Normalleser Redaktionschef spielen oder einfach nur schmökern?

Ein wenig Segen, ein wenig Fluch und viel Ungewissheit
Wie sich im direkten Vergleich zeigt, tragen beide Modellen sowohl Chancen, als auch Risiken in sich: Blendle punktet mit Nutzerfreundlichkeit und Community-Mentalität, steht aber angesichts der einseitigen Abhängigkeit vom Artikelverkauf und der ungewissen Annahme auf dem internationalen Markt auf unsicheren Beinen. Readly mag zwar in Letzterem schon einige Schritte voraus und durch die Anzeigenschaltung besser abgesichert sein, doch es droht an der geringen Angebotsvielfalt und Nutzerfreundlichkeit zu scheitern.

Der langfristige Erfolg hängt für beide Modelle von verschiedenen Faktoren ab: In erster Linie sind die neuen Bezahlmodelle auf die Unterstützung der großen Verlagshäuser angewiesen. Doch einige basteln noch immer lieber an hauseigenen Systemen, statt in einheitliche Modelle zu investieren. Dabei haben die beiden gescheiterten Plattformen Page-Place der deutschen Telekom oder Pubbles von Gruner+Jahr doch eindrucksvoll bewiesen, dass solche Vorhaben nicht lohnen. Die Beteiligungsbereitschaft der Verlage hängt zudem vom sogenannten „Kannibalisierungseffekt“ ab. Readly-Vorstandschef Per Hellberg betont zwar, dass bisher nur zwei Prozent der NutzerInnen komplett auf die digitalen Versionen umgestiegen seien, doch die Abwanderung von Print zu Digital ist bisher nicht genau abzuschätzen. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass unbekanntere Nischen-Hefte von den günstigen Konditionen und potenziellen Neu-LeserInnen eher profitieren werden als etablierte Kiosk-Giganten. Besonders besorgniserregend ist jedoch die Bereitschaft der Bezahlenden. Um diese steht es bekanntlich eher schlecht, zumal die Heft-Inhalte mit einer schier endlosen Zahl an frei zugänglichen Online-Publikationen zu jedem erdenklichen Thema konkurrieren.

Dessen ungeachtet wollen beide Start-ups voller Optimismus und Elan nun auch den Zeitungsmarkt erobern. Während Readly gerade auf dem Markt der schwedischen Heimat begonnen hat, sind bei Blendle noch keine konkreten Kooperationen in Sicht. Es bleibt also spannend.

Artikel als PDF
Quellen:
http://www.tagesspiegel.de/medien/micropayment-und-digitaler-kiosk-blendle-ein-text-fuer-29-cent/10918304.html
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.zeitschriften-flatrate-readly-unbegrenztes-blaettern.20f41eaa-075d-46d6-871c-9a607c7c8ef9.html
http://www.sueddeutsche.de/medien/online-bezahlmodelle-im-leserausch-1.2193041
http://www.sueddeutsche.de/medien/zahlmodelle-im-netz-neu-am-digitalen-kiosk-1.2134944-2
http://www.spiegel.de/netzwelt/apps/readly-im-test-das-taugt-die-digitale-zeitschriften-flatrate-a-999449.html
http://www.handelsblatt.com/technologie/das-technologie-update/startup-der-woche/readly-lesen-bis-zum-abwinken/10895288.html
http://www.horizont.net/medien/kommentare/E-Publishing-Warum-die-Verlage-Blendle-und-Readly-den-roten-Teppich-ausrollen-sollten-131151
http://kress.de/tagesdienst/detail/beitrag/128579-vocatus-vorstand-bauer-ueber-blendle-und-readly-nicht-mit-wehenden-fahnen-mitmachen.html
http://netzwertig.com/2013/06/27/readly-spotify-fuer-zeitschriften-plant-rasante-expansion/

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Ein Kommentar

  1. „komfortabel: Alle Titel liegen ausschließlich im PDF-Format vor und sind nicht speziell für mobile Endgeräte aufbereitet bzw. ausgestattet.“
    Das kann man doch nicht komfortabel nennen. Jedenfalls nicht aus Sicht eines Smartphone-Users.

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