Wie man die Qualität im Journalismus kaputt spart

Ein Artikel von Sabine Griesser und Sonja Pichler für die Forschungsgruppe Medienwandel.

Mal wieder setzten Zeitungsverleger ihren Rotstift bei der Redaktionsbesetzung an. Diese Woche hat es 25 Journalisten bei den Zeitschriften Brigitte und Geo aus dem Hause Gruner+Jahr getroffen – nur die Chefetage bleibt. Es waren nicht die ersten Journalisten, denen aufgrund der veränderten Erlössituation der Verlage gekündigt wurde und es werden auch nicht die letzten sein.

Diese Nachricht bedeutet mittlerweile in der Medienbranche nichts Neues. Neben den bereits abgebauten Stellen bei diversen Verlagen, kündigte auch die überregionale Qualitätszeitung FAZ im September dieses Jahres an, ihre Belegschaft bis 2017 drastisch zu verkleinern: bis zu 200 von insgesamt 900 Stellen sollen im Verlagsbereich und den Redaktionen wegfallen. Im Falle von Brigitte bleibt nur noch die Chefetage übrig – die Redaktion wird komplett aufgelöst. Texte sollen zukünftig ausschließlich von freien Journalisten eingekauft werden – hier soll laut Gruner+Jahr auf „Qualität“ geachtet werden. Für die freien Journalisten ist dies allerdings keinen Grund zum Jubeln, denn mit hoher Wahrscheinlichkeit werden ihre Honorare bei vermehrter Konkurrenz gedrückt – je größer das Angebot, desto niedriger der Preis. Zum Problem wird diese Entwicklung, wenn qualitativ hochwertige Tageszeitungen oder Magazine Preisdumping bei Themen mit hohem Rechercheaufwand betreiben – Artikel werden zum Fließbandprodukt und Journalisten werden schlecht oder überhaupt nicht mehr für ihre Arbeit vergütet. Klar zu sehen ist diese Entwicklung bei der Huffington Post, bei der keine Honorare mehr ausbezahlt werden, weil die Ehre, dort zu schreiben, Lohn genug sei.

Angesichts solcher Entwicklungen zeigt sich, dass Einsparungen an einem Fließbandprodukt vorgenommen werden sollen, das seinen Profitanforderungen nicht mehr gerecht wird. Profit schlägt Qualität.

Indem die Redaktionen qualitativ hochwertiger Tageszeitungen zunehmend Mitarbeiter entlassen oder sich komplett auflösen, sodass nur noch die Chefetage übrigbleibt, sägen die Verantwortlichen genau an dem Ast, der ihre Kernkompetenz – Qualitätsjournalismus – trägt. Auch wenn Verleger, wie Gruner+Jahr, in der Öffentlichkeit beteuern, journalistische Inhalte haben höchste Priorität, arbeiten sie mit dem aktuellen Stellenabbau jedoch genau gegen diese Prämisse. „Der Referenzpunkt [für Qualität] ist das Maß an Ressourcen, das [die Verleger] bereit sind, dem Journalismus zur Verfügung zu stellen. Diese Ressourcen können benannt, quantifiziert und bewertet werden, beispielsweise die personelle Besetzung der Redaktionen, die Höhe des Etats für Recherche und die Aufgabenbereiche respektive das Arbeitspensum der Journalisten.“ (Altmeppen 2008: 251).

Qualitativ hochwertiger Journalismus braucht hohen Rechercheaufwand, welcher mit einer geschrumpften Redaktion längst nicht mehr in der notwendigen Sorgfalt betrieben werden kann. Der Redaktion fehlt durch die Mitarbeiterreduktion schlicht und ergreifend die Zeit, Beiträge umfassend zu recherchieren und facettenreich zu verfassen. Artikel werden zu austauschbaren Gütern, die sich kaum mehr von Zeitung zu Zeitung unterscheiden. Am Ende steht die Abschaffung des zentralen Mehrwerts, den Printmedien Online-Medien noch entgegenhalten können: fundierter, qualitativ hochwertiger Journalismus, der Leser erreicht und bindet – guter Journalismus, verfasst von Redakteuren, die noch Zeit zur Recherche und Formulierung haben.

Fällt dieser Mehrwert weg, sinken die Auflagen noch weiter, denn journalistische Qualität hat ihren Preis. Statt in die Qualitätssicherung des Journalismus zur Priorität zu machen, hat billiger Online-Journalismus Vorrang – doch auch hier wird ein gewisser Qualitätsstandard erwartet. Qualitätskriterien werden aus Zeit- und Personalmangel nur noch selten erfüllt. Somit wird eine Abwärtsspirale der Qualität im Journalismus in Gang gesetzt. Der Bundesvorsitzende des Journalismus Verbands Michael Konken wirft dem Management von Gruner+Jahr deshalb soziale Verantwortungslosigkeit in Reinform vor: “Mit der Neustrukturierung vernichtet G+J ein weiteres Mal qualifizierte Redaktionsarbeitsplätze. Das steht in krassem Widerspruch zum offiziellen Ziel der Verlagsspitze, Gruner+Jahr zum Haus der Inhalte auszubauen.“. Bernd Ziesemer, langjähriger Chefredakteur des Handelsblatts, ruft zum Umdenken auf und fordert eine Kursänderung der Medienunternehmer. „Der richtige Weg wäre die Entbürokratisierung von Redaktionen, flachere Hierarchien (oder sogar der völlige Verzicht auf Hierarchien unterhalb der Chefredaktion). Eine Redaktion, in der alle nur noch planen und organisieren statt zu schreiben und zu recherchieren, kann niemals funktionieren. Ich halte das für einen Irrweg.“ Um diesem Problem entgegenzuwirken, braucht es in Zukunft ein Qualitätsmonitoring. In der Schweiz wurde kürzlich der jährliche Bericht über die Qualität des Journalismus veröffentlicht – mit vernichtenden Ergebnissen. Die Werbeeinnahmen verschieben sich in Richtung Unterhaltungsangebote; dies macht sich dadurch bemerkbar, dass die Haushaltsausgaben für Medien steigern, obwohl diejenigen für Informationsjournalismus sinken. Infotainment weist die größte Reichweite auf und verdrängt somit Angebote mit klassischem Informationsjournalimus. Verstärkt wird dieser Unterhaltungstrend auch durch die sozialen Netzwerke. Qualitativ hochwertige Produkte leiden unter Einsparungen, wegbrechenden Einnahmen und Klickratenorientierung. Der Bericht legt auch klar dar, dass es zu einer Erosion der journalistischen Berufskultur kommt: Um Renditen im qualitativ hochwertigen Journalismus bewahren zu können, werden die Artikel zu einem Fließbandprodukt – Zeit für umfassende Recherchen gibt es kaum mehr. Um dieser Entwicklung entgegenzutreten, muss in Österreich auch ein Qualitätsmonitoring nach dem Beispiel der Schweiz eingeführt werden, um alle negativen Entwicklungen sichtbar zu machen und Lösungsansätze zu entwickeln. Im Bericht über die Qualität des Journalismus der wird dieses Problem am Schluss auf den Punkt gebracht: „Die strukturelle Krise, der Qualitätsverlust und die immer noch geringe Widerstandkraft in der Branche gegen möglichst billigen, reichweitenzentrierten Journalismus sind Probleme, die die Medienkonsumenten als Bürger eines demokratischen Gemeinwesens betreffen. Medienpolitische Reflexionen sind nötig.“

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Quellenverzeichnis:
Altmeppen, Klaus-Dieter (2008): Die soziale Verantwortung des Journalismus. In: Communicatio Socialis, 41. Jg., H.3, S. 241-253.
Jahrbuch 2014 Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera: Journalismus unter der Diktatur der Reichweite (2014): http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20141027_OTS0105/jahrbuch-2014-qualitaet-der-medien-schweiz-suisse-svizzera-journalismus-unter-der-diktatur-der-reichweite

Konken, Michael (2014): Verwantwortungslos. Online unter: https://www.djv.de/startseite/profil/der-djv/pressebereich-download/pressemitteilungen/detail/article/verantwortungslos.html?cHash=5a221a762072c7c71f813ef471fa9e5f&type=500 (30.10.14).
Meedia (2014): http://meedia.de/2014/10/30/die-selbstmoerder-von-gj-und-die-neue-brigitte-diaet-stimmen-zum-stellenabbau-bei-brigitte-und-geo/ (30.10.14).
Ziesemer, Bernd (2014): Bernd Ziesemer zu Gruner+Jahr: „Erst Verlag ausmisten, bevor man auch nur einen Journalisten entlässt“. Online unter: http://www.newsroom.de/news/detail/$IWDPEOKSHNNR/bernd_ziesemer_zu_grunerjahr_erst_verlag_ausmisten_bevor_man_auch_nur_einen_journalisten_entlsst (30.10.2014).

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