Angst vor Ebola: Medien schüren Hysterie

27.10.2014. Ein Beitrag von Patrick Freitag und Kay Müller für die Forschungsgruppe Medienwandel unter der Leitung von Prof. Dr. Josef Trappel.

Ebola: WHO erwartet 10.000 Erkrankungen pro Woche” schrieben die Salzburger Nachrichten am 14.10.2014. “Ebola-Epidemie: Forscher rechnen mit Infizierten in Frankreich und Großbritannien” (Der Spiegel 5.10.2014). Solche Meldungen verbreiten Angst unter der Bevölkerung. Ist das gerechtfertigt?

Das Ebola Virus ist für das gleichnamige Fieber verantwortlich, das in bestimmten Gebieten Afrikas bereits seit vielen Jahren immer wieder zu Todesfällen führte. Infizierte Helfer tragen nun das gefährliche Virus in andere Länder. In Spanien und den USA haben solche Personen das Virus bereits übertragen. Seither spekulieren die Medien über eine mögliche Seuche in Amerika und Europa. Mit Schreckensbildern und einprägsamen Schlagzeilen. “Die Politikseiten der Zeitungen sind voll mit Bildern von weiß verhüllten Gestalten, die Leichensäcke aus Blechhütten tragen.” (Huffington Post 20.08.14)

Medialer Fokus schürt Hysterie in der Bevölkerung

Fest steht: Das Ebola Virus hat bereits über 5000 Menschenleben gefordert. Vor allem in West-Afrika. Doch Zeitungen und Fernsehnachrichten sprechen von Infizierten in Amerika und Europa. “Ebola ist ein internationaler Gesundheitsnotfall”, schreibt die Kronen Zeitung (8.8.2014). Fernsehsender zeigen Menschen in Schutzanzügen und berichten stetig über neue Infizierungsfälle. Dass es sich bei den meisten Fällen nicht um den Ebola Virus handelt, erfahren die Leserinnen und Leser meistens nicht.

Shepard Smith, Nachrichtensprecher bei Fox News, kritisierte nun öffentlich die Medien für ihre “hysterische” Berichterstattung über eine vermeintliche Ausbreitung des Ebola Virus in den USA: “The people who say and write hysterical things are being very irresponsible”. Auch die Huffington Post schreibt: “Die Medien schüren eine Hysterie, die völlig irrationale Ausmaße angenommen hat und in der Bevölkerung eine grundlose Panik auszulösen droht” (16.10.2014). In sozialen Netzwerken, so heißt es dort weiter, “mehren sich die Stimmen, die den Medien eine bewusste Eskalation der Lage zu ihren Gunsten vorwerfen.” (20.8.2014)

Mittlerweile haben einige Medienhäuser ihre negative, auf Panikmache beruhende Berichterstattung zurückgefahren und veröffentlichen de-eskalierende Berichte. So meldete die Deutsche Welle: “Die Wahrscheinlichkeit, sich derzeit irgendwo in Deutschland mit Ebola anzustecken liege nahe Null.” (20.10.2014)

Seuchen gab es schon zuvor – mediale Übertreibungen auch

Berichte über gefährliche Krankheiten jagen den Menschen kalte Schauer über den Rücken. Ob Schweinepest, Rinderseuche BSE (Creutzfeldt Jakob Krankheit) oder jetzt Ebola. Die Medien tendieren dazu, das Ansteckungsrisiko zu überhöhen. Peter Feindt und Daniela Kleinschmitt (2011) haben die mediale Berichterstattung über die BSE-Seuche wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Anzahl der Erkrankten und Verstorbenen, so ihr Befund, stand in keinem Verhältnis zu der ausufernden Berichterstattung. Die BSE-Krise wurde medial stark überbewertet.

Dies hatte nicht nur Einfluss auf die Wahrnehmung der Krise in der Bevölkerung sondern auch auf die Politik. In jedem Fall sind die Medien die wichtigste Informationsquelle. Daher ist ernsthaft zu fragen, in welcher Form die Medien ihrer Verantwortung in Krisenfällen gerecht werden.

Kommunikationswissenschaft liefert Erklärungen

Krankheiten, Seuchen oder gar Epidemien weisen hohen Nachrichtenwert auf. Nachrichtenwerte stellen einen Bezug zwischen der Meldung und dem Rezipienten her und sorgen somit für Interesse und Betroffenheit (vgl. Uhlemann 2012: 29-68). Je negativer, je emotionaler und je unmittelbarer über Ereignisse in den Medien berichtet wird, desto größer ist die Resonanz bei den Zeitungsleserinnen, Fernsehzuschauern oder Internet-Usern. Die Medien machen mit einer Seuche dann ein gutes Geschäft, wenn es ihnen gelingt, den Menschen den Eindruck zu vermitteln, selbst unmittelbar betroffen zu sein. Unabhängig davon, wie gefährlich die Krankheit oder wie groß die Gefahr der Ansteckung wirklich ist. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht verhalten sich Medien verantwortungslos, wenn sie wider besseres Wissen unvollständig informieren und Gefahren überhöhen.

Das Beispiel Ebola zeigt erneut, wie Medien im eigenen Interesse Gefahren übertreiben. Dass jetzt einige Medien die eigene Berichterstattung kritisch hinterfragen, lässt Hoffnung aufkommen: Vielleicht haben die Medien doch etwas dazu gelernt. Die Zeit jedenfalls titelte bereits: “Das Virus ist keine Gefahr für Europa.” (19.8.2014).

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Quellen:
Feindt, Peter H./Kleinschmit, Daniela (2011): The BSE Crisis in German Newspapers: Reframing Responsibility. In: Science as Culture, Vol. 20:2; S. 183-208. London: Routledge.
Uhlemann, Ingrid Andrea (2012): Der Nachrichtenwert im situativen Kontext. Eine Studie zur Auswahlwahrscheinlichkeit von Nachrichten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Artikel:
http://www.huffingtonpost.de/2014/10/16/ebola-hysterie-medien_n_5997954.html
http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/ebola-fall-in-madrid-behandlung-von-ebola-patienten-ist-riskant-a-995878.html
http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/ebola-forscher-rechnen-mit-faellen-in-frankreich-und-grossbritannien-a-995443.html
http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2014-08/ebola-virus-deutschland-europa
http://www.huffingtonpost.de/2014/08/20/ebola-hysterie-deutschland-seuche-unbegruendet_n_5694869.html
http://www.nzz.ch/panorama/spanische-krankenschwester-besiegt-ebola-1.18407369
http://www.salzburg.com/nachrichten/dossier/ebola/sn/artikel/ebola-who-erwartet-bis-zu-10000-erkrankungen-pro-woche-124379/
http://www.dw.de/ebola-angst-hype-und-risiko/a-18007875

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