Der Terror und die Informationsfreiheit: Wo sind die Grenzen?

01.10.2014 – ein Beitrag von Isabella Stief und Maria Birnbaum für die Forschungsgruppe Medienwandel unter der Leitung von Prof. Josef Trappel.


Soziale Medien sind zu einer Plattform terroristischer Inhalte geworden. Das aktuelle Beispiel ist hier die extremistische Gruppe Islamischer Staat (IS).

Professionelle Werbekampagnen für das Kalifat

Die Terroristen der IS haben ihr Imperium mit Brutalität im Irak und in Syrien aufgebaut. Mit den nicht abreißenden Schreckensmeldungen beherrschen sie seit Monaten nicht nur die tägliche Berichterstattung, sondern breiten sich auch auf die sozialen Netzwerke aus. Dabei instrumentalisieren sie die Social Media Kanäle so professionell, dass sie damit selbst Experten überraschen. In modernsten Kampagnen propagieren sie ihre Werte und Weltanschauung. In betont jugendlicher Manier werden so neue Kämpfer für den Dschihad rekrutiert und Spenden generiert.

Wie ist diese Entwicklung aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht zu beurteilen?

Der Wandel der Kommunikations- und Informationstechnologien spielt hierbei eine zentrale Rolle. Bevor sich die sozialen Medien im Alltag etablieren, waren extremistische Inhalte nur durch gezielte Recherche zugänglich. Solche Inhalte mussten den Filter des professionellen Journalismus überwinden. Heute hingegen sprechen Dschihadisten jeden Nutzer der neuen Medien direkt an. Inhalte werden über die Mitglieder des Netzwerkes in rasender Geschwindigkeit geteilt und verbreitet. Somit erzielt IS mit minimalen finanziellen Mitteln eine maximale Wirkung. Die Macht dieser Netzwerke kann aber auch zu einer schwer kontrollierbaren Gefahr werden. Vor allem dann, wenn sich extremistische Gruppen wie die IS immer mehr in den Kommunikationsräumen ausbreiten und diese strategisch und zielgruppenorientiert für ihre Zwecke nutzen. Twitter, Facebook und YouTube werden zunehmend von propagandistischen Inhalten überflutet. Man findet hier Bilder und Videos von Massengräbern, Leichen und komplette Mitschnitte von Enthauptungen, wie das Beispiel des US-Reporters James Foley zeigte.

Wer trägt die Verantwortung? Ein Mediendilemma.

Dass Inhalte dieser Art überhaupt auf die Plattformen gelangen, hat zu einer Debatte über die Verantwortung der Medienkonzerne geführt. Facebook ist sich nach eigenen Angaben darüber im Klaren, dass Inhalte dieser Art hochgeladen und geteilt werden. Das Unternehmen sieht sich aber als neutrale Plattform, die, solang die Videos im richtigen Kontext erscheinen, auf eine Löschung verzichtet. Damit soll eine Debatte über die Inhalte möglich gemacht werden. Eine journalistische Verantwortung will Facebook dabei nicht tragen. Diese Einstellungen teilen auch andere IT-Konzerne. Die Videoplattform YouTube gibt beispielsweise zu diesem Thema an, mit den Löschungen nicht hinterher zu kommen.

Zu dieser Thematik scheiden sich auch unter Journalisten die Geister. Auf der einen Seite wollen Journalisten ihrer Informationspflicht nachkommen und zeigen, dass die Taten der IS nicht abstrakt sind. Auf der anderen Seite wird vor der Verbreitung von Gewaltbildern gewarnt und die Forderung erhoben, dass die Plattformen eine Zensur vornehmen sollten. Doch ab wann ist eine Zensur noch eine Schutzhandlung und wann schreitet sie in die Informationsfreiheit der Menschen ein?

Auch am Beispiel der IS zeigt sich einmal mehr, wie wichtig die Diskussion über die Verantwortung von Staaten und einzelnen Akteuren (wie den sozialen Netzwerken) in Zeiten des digitalen Wandels ist. Da das Internet lediglich eine Infrastruktur liefert, mit deren Hilfe Informationen verbreitet werden können, kann die Verantwortung nicht allein den IT-Konzernen überlassen werden. Für Fragen dieser Art sollte eine unabhängige, internationale Instanz geschaffen werden, die nicht von wirtschaftlichen Interessen gesteuert ist. Denn so wie sich die Nutzung der Medien ändert, ändern sich auch die Anforderungen an die Gesetzgebung. Informationsfreiheit und Verantwortung (accountability) muss nicht nur Gesetzgeber und Akteure beschäftigen, sondern auch die Kommunikationswissenschaft.

Das Beispiel IS soll hier einen längst fälligen Denkanstoß geben.

 

Quellen:
Der Standard (2014): Der Ruf des Terrors nach Zensur. Online unter: http://www.falter.at/falter/2014/09/09/der-ruf-des-terrors-nach-zensur/

Der Standard (2014): Neutrale Plattform. Warum Terrorpropaganda auf Facebook bleibt. Online unter: http://derstandard.at/2000004281586/Neutrale-Plattform-Warum-Terrorpropaganda-auf-Facebook-bleibt.

Profil (2014): Dschihad Riesenrad. Online unter: http://www.profil.at/articles/1428/982/376592/dschihad-riesenrad-die-isis-sympathisanten-oesterreich.

Süddeutsche Zeitung (2014): Online unter: http://www.sueddeutsche.de/medien/vice-reportage-ueber-terrormiliz-is-im-campingwagen-des-dschihad-1.2085041.

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