Mehr User Engagement für mehr Loyalität

Ein Beitrag von Theresa Fleißner für die Forschungsgruppe Medienwandel unter der Leitung von Josef Trappel

Diese Woche hat der britische Guardian sein neuestes Modell für innovative Finanzierung vorgestellt: User Engagement. Ein dreistufiges Mitgliedermodell ist vorgesehen: Je nach Mitgliedsstufe gibt es verschiedenste Boni, Live Chats oder exklusive Besuche im neuen „Guardian Space“ in London.

Friends, Partners und Patrons des Guardian

Das neue „Guardian Membership Programm“ soll mehr Loyalität zwischen dem Britischen Blatt und den Lesern schaffen. Damit will sich der Guardian vor allem als interaktive Marke für seine Leser positionieren. Je nach Mitgliedsstufe erhalten die Leser spezielle Vorteile, wie Zugang zu verschiedenen Events im neuen „Guardian Space“ (kostenlos), exklusive Buchungen oder auch besondere Nachrichten als „Partners“ für montalich 15 Pfund (19 Euro). In der höchsten Mitgliedsstufe, dem „Patron Membership“ für monatlich 60 Pfund (76 Euro) erhalten die Leser auch „Backstage“ Zugang zum Guardian. Zusätzlich können sich diese Mitglieder auch aktiv an der Berichterstattung des Blattes beteiligen, da sie eigene Guardian Live Events veranstalten dürfen. Mit diesem neuen Programm ist das britische Blatt wieder einmal ein Vorreiter in Sachen Innovation und Open Journalism.

Im anglo-amerikanischen Raum bemüht sich auch die New York Times um mehr User Engagement. Im Sommer hat das US-amerikanische Leitmedium mit ihrem „Social Media Tuesday“ eine User Engagement Kampagne gestartet, um über soziale Netzwerke mehr junge Leser zu erreichen. Der Guardian versucht sich nun mit dem neuen Mitglieder Modell. Events und besondere Privilegien sollen das Verhältnis zwischen der Zeitung und den Lesern verstärken und ihre Treue zum Medium sichern. Mehr Interaktion, mehr Nähe, mehr Vertrauen soll aufgebaut werden.

Eine Reaktion auf die viel diskutierte Krise

Der Hintergrund für den neuen Versuch des Guardian ist bekannt: Zeitungen, wie auch der Journalismus als Profession selbst befinden sich in der Krise, nicht erst seit Blogger eine spürbare Konkurrenz für Online-News sind. Journalisten fühlen sich weltweit bedroht und in ihrer Existenzberechtigung hinterfragt. Nicht selten kommen solche Gedanken auch aus den eigenen Reihen.

Kommunikationswissenschaftler und Journalismusforscher, wie etwa Stefan Weichert (2011) oder Natalie Fenton (2012) haben positive und negative Folgen identifiziert. Ein zentraler Aspekt ist die Interaktion mit der Leserschaft, die vor allem von Seiten der Praktiker oft mit Zurückhaltung betrachtet wird, wie Fenton (2012) feststellt. Sie führt dies zurück auf die Tatsache, dass die Interaktion mit den Lesern so, wie sie online stattfinden kann, neu und ungewohnt für Journalisten ist. Eine aktive und kritische Leserschaft, jedoch macht den derzeitigen Wandel im Journalismus zu einem großen Teil aus. Die User einbinden, mit ihnen interagieren, ihre Meinung anzuerkennen – dies sind wesentliche Aspekte des Online-Journalismus.

Langzeitstrategie für Blatt und Leser

In wie weit sich die User auch für das Blatt engagieren, wird sich dann wohl anhand der „Guardian Patrons“ und ihrer Live Shows zeigen. Die sinkenden Printverkäufe wird die Mitglieder-Maßnahme kaum in kurzer Zeit ausgleichen können. Langfristig weist das Projekt aber durchaus Potential auf: Bewähren sich die Live Shows der Guardian Patrons, so werden sicherlich Mitglieder von der kostenlosen in die Bezahl-Stufen übergehen. Loyalität und Vertrauen in ein Unternehmen und eine Marke aufzubauen ist kein kurzfristig erreichbares Ziel. Besonders dann, wenn es – wie beim Guardian – um kritische Berichterstattung geht.

Quellen:

Der Standard (http://derstandard.at/2000005495969/Wir-muessen-redenMedien-probieren-es-mit-Beziehungspflege)
Fenton, Natalie (2012): News in the digital age. In: Allan, Stuart (Hg.): The Routledge companion to News and Journalism. London, New York: Routledge, S. 557-568.
Weichert, Stefan (2011): Der neue Journalismus. In: Publizistik, 56. Jg., H.1, S. 363—371.

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