Strukturveränderungen im Journalismus – Der Journalist als eierlegende Wollmilchsau im Großraumbüro

Ein Beitrag von Marlene Gsenger für die Forschungsgruppe Medienwandel unter der Leitung von Josef Trappel

Mit der Zusammenlegung der bisher meist getrennten Print- und Online-Redaktionen versuchen neuerdings zahlreiche Medienunternehmen den Umbrüchen des Medienmarktes Rechnung zu tragen. Dies führt nicht selten zu redaktionsinternen Schwierigkeiten, wie jüngst beim “Spiegel” der Fall. Es stellt sich daher die Frage, welche Bedeutung eine solche Zusammenlegung für die Zukunft des (Qualitäts-)Journalismus hat.

Beobachtet man die deutsche und österreichische Medienlandschaft, so scheint die Zusammenlegung von Print- und Online-Redaktionen ein selbstverständlicher Schritt in die digitale Zukunft zu sein. Gründe dafür mag es viele geben: man habe zum Beispiel die Bedeutung von Online erkannt oder man möchte nun den Schwerpunkt auf die Online-Berichterstattung verlagern. Nicht selten geschieht eine Zusammenlegung von Print- und Online-Redaktion allerdings aus finanziellen Gründen, was sich mitunter auf die Qualität auswirken kann. Gerade in finanziell schwachen Zeiten wird Qualitätsjournalismus “schnell wegrationalisiert”, so der Kommunikationswissenschaftler Werner A. Meier.

Der Journalist ist keine eierlegende Wollmilchsau
Redaktionelle Umstrukturierungen geschehen hierzulande immer noch sehr zaghaft und stoßen nicht selten auf Widerstand. In den USA würden solche Zusammenlegungen viel entschlossener umgesetzt als im deutschsprachigen Raum, so der Medienwissenschaftler Stephan Ruß-Mohl. Die „New York Times“ (NYT) eilt hier als großes Vorbild voraus. Es gäbe laut Ruß-Mohl keinen der über 1000 Journalisten, der nicht auch für das Online-Format der NYT arbeitet. Ein Journalist sei allerdings keine “eierlegende Wollmilchsau”, wie es Klaus Meier bereits vor Jahren betonte, da dieser nicht gleichzeitig die Zeitung, das Internet und das Tablet mit seinen Inhalten speisen könne. Doch entspricht diese Sichtweise den aktuellen Anforderungen des Medienmarktes und sind Print- und Onlinejournalismus überhaupt vereinbar?

Print- und Onlineredaktionen im Konkurrenzverhältnis
Zwischen Print- und Online-Redakteuren herrscht nicht selten eine gewisse Konkurrenz. Der Online-Journalismus würde anders funktionieren und daher ganz andere Kompetenzen fordern als der Print-Journalismus. Online-Journalisten seien keine richtigen Journalisten (FAS, 23.03.2014) oder würden nur „Kapuzenpulli-Journalismus“ betreiben (Zeit, März 2014). Als Anfang 2014 Stefan Plöchinger, damals Chef der Online-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“, in die Chefredaktion der Printausgabe aufsteigen sollte, wehrten sich Redakteure und Ressortleiter: der „Kapuzenpulliträger“ habe als Online-Journalist kein schreiberisches Profil. Und wenn dann Mitarbeiter branchenunüblich viel Macht haben, wie das zum Beispiel beim „Spiegel“ durch die Mitarbeiter KG der Fall ist, kann es schon dazu führen, dass Strukturveränderungen erst einmal verhindert werden. Eine Zusammenlegung von Print- und Online-Redaktionen ist also keineswegs bedeutungslos, kann aber journalistische Arbeitsweisen maßgebend verändern.

Der Trend zum integrierten Newsroom
Das Konzept des integrierten Newsroom hat mittlerweile in zahlreichen Redaktionen Einzug genommen. Diese haben wortwörtlich ihre Wände eingerissen und innerhalb kürzester Zeit Großraumbüros geschaffen, in denen journalistisches Material produziert, zusammengeführt und für die verschiedensten Kanäle aufbereitet wird. Integrierte Newsrooms führen zu einer besseren Vernetzung und Kommunikation innerhalb der Redaktion. Die Ressortgrenzen werden gebrochen, Journalisten sind damit nicht mehr so stark thematisch gebunden. Zudem können ressortübergreifend Teams gebildet werden. Zugleich stellt dieses Konzept zunächst nur einen Rettungsring dar. Der ökonomische und zeitliche Druck wird dadurch vorerst nicht reduziert. Die Devise lautet zwar nun meistens „Online First“ aber die Finanzierung ist dadurch keinesfalls gesichert.

Auswirkungen auf den Qualitätsjournalismus
Eine Verschmelzung von Print und Online sollte zunächst als Chance gesehen werden, um den Qualitätsjournalismus voranzutreiben. Trotz möglicher Schwerpunkt-Verlagerung auf den Online-Bereich sollte ein Journalismus forciert werden, der unter anderem für gute Recherche und Transparenz steht. Somit sollte in Zukunft gar nicht mehr zwischen Print- und Online-Journalisten unterschieden werden, sondern das Verständnis gelebt werden, dass jeder Journalist jeden Kanal speisen sollte. Und so ist der Journalist in gewisser Weise doch eine eierlegende Wollmilchsau, der aber darüber hinaus mit einem noch viel größeren Publikum interagieren kann und dadurch dem Qualitätsjournalismus einen neuen Gradmesser geben kann.

 

Quellen:

Meier, Klaus (2013): Crossmedialer Journalismus. Eine Analyse redaktioneller Konvergenz. In: Hohlfeld, Ralf/Müller, Philipp/Richter, Annekathrin/Zacher, Franziska (Hg.): Crossmedia. Wer bleibt auf der Strecke?
Meier, Werner A. (2012): Die Medienkrise als publizistikwissenschaftliche Herausforderung. In: Meier, Werner A./Bonfadelli, Heinz/Trappel, Josef (Hg.): Gehen in den Leuchttürmen die Lichter aus? Was aus den schweizer Leitmedien wird. Berlin/Zürich: Lit Verlag.

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