Stapellauf für die „Arche der Wahrheit“

23.8.2014. Ein Beitrag von Julia Dandler und Florian Uibner für die Forschungsgruppe Medienwandel unter der Leitung von Josef Trappel

Im Februar dieses Jahres startete die Enthüllungsplattform The Intercept und entwickelte sich seitdem zum wichtigsten Medium für NSA-Enthüllungen. The Intercept ist Teil von First Look Media, einem gemeinnützigen digitalen Medienunternehmen, bezahlt von eBay-Initiator Pierre Omidyar. Erklärtes Ziel von First Look Media ist die Bereitstellung einer journalistischen Plattform, die sich der Wahrheit verschreibt und aus Mainstream Lesern engagierte Bürger machen will. Dennoch ist zu fragen, ob hier tatsächlich eine neue Form von Journalismus entsteht.

Im Sommer 2013 hatte der eBay-Gründer Pierre Omidyar die Gelegenheit, für 250 Millionen Dollar die Washington Post zu übernehmen. Omidyar lehnte ab und entschied sich dazu mit dieser Summe eine eigene Plattform für den bedrängten Journalismus aufzubauen. Noch im selben Jahr gründete er das gemeinnützige digitale Medienunternehmen First Look Media. In dieser Aufbauphase war ihm der Journalist Glenn Greenwald behilflich, der zu dieser Zeit für den britischen Guardian an NSA-Enthüllungen von Edward Snowden und dem größten Geheimdienstskandal der neueren Geschichte arbeitete.

Am 10. Februar 2014 ging die Enthüllungsplattform The Intercept unter Leitung von Greenwald als erstes Outlet des neuen Medienunternehmens online. Hier ist bisher Unveröffentlichtes und Verschwiegenes nachzulesen – etwa warum hunderttausende US-Bürger mit fadenscheiniger Begründung als Terrorverdächtige gelten.

Vor allem Greenwald war daran interessiert, dass der Strom an Snowden-Enthüllungen auch nach seinem Weggang vom Guardian nicht abreißt. Auf den ersten Blick erinnert The Intercept an die Enthüllungsplattform WikiLeaks des australischen Hackers Julian Assange. Im Unterschied zu Assange lebt Greenwald jedoch nicht verdeckt und macht sich öffentlich angreifbar. Bislang gebärdet sich Greenwald auch weit weniger aufbrausend als Assange und scheint den Balanceakt zwischen Aktivismus und Journalismus besser zu meistern. Seine jüngsten Kommentare über die amerikanisch-israelische Zusammenarbeit im Gaza-Krieg zeigen allerdings, dass auch er das Opfer seines eigenen Enthüllungseifers werden könnte.

Erklärtes Ziel von First Look Media ist die Sicherstellung journalistischer Unabhängigkeit, non profit-orientiert und unabhängig von Werbung und Investoren (Omidyar natürlich ausge-nommen). Dem Journalismus und der Wahrheit verschrieben, gründet diese „Arche der Wahrheit“ auf dem „Glauben, dass Demokratie eine Bürgerschaft voraussetzt, die nicht nur gut informiert, sondern auch stark engagiert ist“, verkündet Omidyar in seinem Blog.

Tatsächlich entscheidet bei The Intercept eine kleine Gruppe von Journalisten über die Ver-öffentlichung geheimer Dokumente. Das wirft Probleme auf: Manche Journalisten erliegen – wie bei WikiLeaks – der Versuchung, ihre mühsam aufgebauten Kontakte zu Geheimdiensten auch zur eigenen Bereicherung zu verwenden. Die ungeschminkte Preisgabe der Wahrheit gerät zur Nebensache.

Hinzu kommt der Mangel an Rechenschaft und Verantwortung. Wer steht gerade für die Veröffentlichungen von The Intercept? Solche Plattformen sind nur ihren Mäzenen Rechenschaft schuldig, nicht aber ihren Lesern oder der Zivilgesellschaft.

Schließlich stellt ein Mäzen auch ein erhebliches Klumpenrisiko dar. Verliert Omidyar eines Tages den Gefallen an The Intercept, dann gehen von einem Tag auf den anderen die Lichter aus. Nachhaltiger Journalismus ist das gewiss nicht.

Wohin wird sich First Look Media also entwickeln? Journalismusforscher wie Stefan Weichert (2011) stellen fest, dass das Mitmach-Prinzip eine nötige und logische Weiterentwicklung des Journalismus ist. Grundlegende Veränderungen auf dem Zeitungsmarkt sorgen für Verunsicherung, ob hochwertiger Journalismus in Zukunft überhaupt noch auf medienpolitischen und finanziellen Rückhalt zählen kann. Blogs unterscheiden sich von professionellem Journalismus durch die Abwesenheit einer soliden Qualitätskontrolle, auf die sich die Leser in der Regel verlassen können. Sich der Wahrheit zu verschreiben, wie dies Omidyar tut, stellt noch keineswegs professionelle Qualitätsarbeit sicher. Dafür ist eine funktionsfähige, erfahrene und verantwortungsbewusste Redaktion erforderlich. Greenwald mag ein verdienter Journalist sein, ob er ein nachhaltiges und verantwortliches Medium führen kann, muss er erst beweisen.

Quellen:
First Look Media
The Intercept
Weichert, Stefan (2011): Der neue Journalismus. In: Publizistik, 56. Jg., H.1, S. 363—371.

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