Abschied von der SVZ: ohne Wehmut, aber mit Getöse

12. August 2014. Ein Beitrag von von Josef Trappel.

In meinen Einführungsvorlesungen im Fach Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg frage ich meine Studierenden immer nach ihrem Zeitungskonsum. Die Zeitungsleser sind deutlich in der Minderheit. Manche lesen die Salzburger Nachrichten. Die Salzburger Volkszeitung (SVZ) liest niemand. Einmal hat ein Student gesagt, sein Papa würde die SVZ gelegentlich lesen.

Dieser kleine und unsystematische Befund spricht gegen die Studierenden, die kaum noch Zeitungen lesen. Und er spricht gegen Kleinzeitungen, die nicht gelesen werden. Diese Woche hat der Geschäftsführer der SVZ seinen Anwälten mitgeteilt, ein Insolvenzantrag sei einzubringen. Und der Öffentlichkeit teilte er reichlich geschmacklos mit, hier sei ein Provinz-Verlag „hingerichtet“ worden.

Wirklich ein barbarischer Akt? Ein großer Verlust? Ein Fanal medienpolitischen Versagens?

Zunächst die Fakten: Die SVZ wurde nach dem 2. Weltkrieg vom Katholischen Pressverein, später von der Salzburger Volkspartei herausgegeben. Nach einer Wahlniederlage 2004 zum Sparen gezwungen, hungerte die Landespartei die SVZ redaktionell aus und verkaufte sie im März 2005 an den VP-nahen Unternehmer Martin Aistleitner.

Wie viele Menschen die SVZ lesen, weiß so genau niemand, denn weder Reichweite noch Auflage werden unabhängig geprüft. Die SVZ ließ sich schon seit über zehn Jahren nicht mehr in die Bücher schauen. Schätzungen gehen von einer Auflage von deutlich unter 10.000 Stück aus. Unter den Lesern dieser Exemplare finden sich, siehe oben, jedenfalls keine Publizistikstudierenden im ersten Semester.

Weniger als ein Dutzend Journalistinnen und Journalisten waren zuletzt bei der SVZ angestellt. Die Zeitung erschien seit der Übernahme durch Aistleitner ohne redaktionellen Partner. Der redaktionelle Anspruch musste der Kleinheit der Mannschaft angepasst werden. Auf der Suche nach einem journalistischen Primeur muss man lange zurückblättern.

Wie kann eine derart kleine Tageszeitung wirtschaftlich überleben, neben zwei marktdominanten Zeitungen, die sich ein episches Duell um die Marktführerschaft in Salzburg liefern, der Kronenzeitung und den Salzburger Nachrichten?

Indem der Staat zur Kassa gebeten wird. Eigentlich umgekehrt: Indem die Zeitung so gehübscht wird, dass sie den Kriterien der Presseförderung entspricht. In den letzten drei Jahren (2011-2013) hat die SVZ aus den Titeln der Vertriebs- und der Besonderen Vielfaltsförderung 2,74 Millionen Euro erhalten. Und damit überlebt.

In einer schlecht argumentierten und wenig transparenten Aktion wurden im Frühjahr 2014 die Vergabekriterien für die Presseförderung so verändert, dass Zeitungen mit weniger als 12 fest beschäftigten Redakteuren ihren Förderungsanspruch verwirken. Und voilá: Umgefallen um die Förderung schlittert die SVZ in die Insolvenz.

Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive hält sich die Wehmut in engen Grenzen. Ja, jede Zeitung weniger, und sei sie auch noch so klein, ist ein Verlust an Vielfalt. Ja, jeder verlorene journalistische Arbeitsplatz schwächt die Branche. Ja, auch leise Stimmen sind für den öffentlichen Diskurs wichtig.

Aber muss jede dieser leisen Stimmen jedes Jahr mit bis zu einer Millionen Euro unterstützt werden? Haben nicht manche Medienblogger mehr Follower als die SVZ gedruckte Exemplare? Stellen nicht auch Kleinformen im Internet Öffentlichkeiten und Gegenöffentlichkeiten her, die unsere gesellschaftliche Selbstverständigung anregen und bereichern?

Tageszeitungen sind bis heute Leitmedien, auch in Zeiten der grassierenden Expansion von Social Media. Tageszeitungen liefern den Stoff für Facebook- und Twitter-Debatten. Sie sind dauerhaft und nicht flüchtig. Sie bilden immer noch das Rückgrat der öffentlichen Debatte. Das ist uns als Zivilgesellschaft viel wert. Und sollte uns viel mehr wert sein als die kaum 10 Millionen Steuer-Euro, die jährlich unter dem Titel der Presseförderung vergeben werden. Aber die Zivilgesellschaft fordert auch eine Gegenleistung: Recherche, Aufpassen auf das Handeln der Mächtigen, Aufdecken von Korruption und Versagen, den leisen Anliegen eine Stimmen verleihen, das öffentliche Gespräch mit relevanten Themen am Laufen halten. Das gelingt Tageszeitungen dann gut, wenn sie über Geld und Personal verfügen, und wenn sie sich nicht nach den Wünschen von Werbekunden und Politik richten müssen. Mit weniger als zwölf Redakteuren ist das schlechterdings nicht zu leisten. Das Geschäftsmodell SVZ war ökonomisch nie tragfähig, weder als Parteizeitung, noch als unabhängiges Blatt. Und ihr Beitrag zur Medienvielfalt in Salzburg war bescheiden geworden, sehr bescheiden. Die SVZ war keine Orientierungsmarke mehr für die Wettbewerber, weder Krone noch SN hatten zu fürchten, dass die SVZ in die Bresche spränge, würden sie nicht sorgfältig über Lokales berichten. So hat sich die SVZ selbst aus dem publizistischen Rennen genommen, an dem sie nur mehr als Zählkandidat mitlief.

Doch in einem Punkt ist dem gescheiterten SVZ-Geschäftsführer zuzustimmen: Die Presseförderung ist der aktuellen Lage der Zeitungen in keiner Weise mehr angemessen. Sie hat einmal mehr versagt. Und zwar nicht deshalb (wie Aistleitner wettert), weil sie der SVZ jetzt die Förderung mit einer gewundenen Rechtfertigung entzieht. Sondern weil sie das im Rahmen einer grundlegenden Reform nicht schon viel früher getan hat. Weil die Medienpolitik den Mut nicht aufbringt, auf die Zeitungskrise kraftvoll und zukunftsorientiert zu reagieren. Nicht der Rauswurf der SVZ aus der Förderung ist das Problem (womit sich die Energie der Medienpolitik für dieses Jahr wohl erschöpft hat), sondern die Realitätsverweigerung. Österreich außerhalb von Wien hat schon lange keine Zeitungsvielfalt mehr, mit oder ohne SVZ (und der ebenfalls dieses Jahr eingestellten Kärntner Tageszeitung KTZ). Und Wien eingerechnet sind 14 Zeitungstitel für 9 Millionen Menschen für eine plurale Demokratie beschämend.

Die Medienpolitik hat sowohl die Instrumente, als auch die finanziellen Mittel in der Hand, den verheerenden Trend zu noch mehr Vielfaltsverlust zu bremsen. Die Presseförderung muss Qualität und Professionalität belohnen, nicht „Journalismus light“. Die finanziellen Mittel, die für die Anzeigen von Ministerien und staatsnahen Betrieben eingesetzt werden, sind zu bündeln und der „Presseförderung neu“ zuzuschlagen. Alternative Formen der Herstellung von Öffentlichkeit sind konsequent zu unterstützen, um wieder mehr Vielfalt zu ermöglichen. Dazu braucht es keine politischen Visionen, sondern medienökonomischen und kommunikationspolitischen Sachverstand. Beides ist in Österreich vorhanden.

Bringt die Insolvenz der SVZ den Stein für eine neue Medienpolitik ins Rollen, dann enthält die traurige Nachricht wenigstens einen Funken Hoffnung. Die Journalistinnen und Journalisten der SVZ wird das nicht trösten. Ihnen ist zu danken, dass sie so lange an dem kurzen Strick gezerrt haben, den ihnen die Presseförderung zugestanden hat.

Josef Trappel ist Professor für Medienpolitik und Medienökonomie an der Universität Salzburg und leitet die Forschungsgruppe Medienwandel.

Ein leichte gekürzte Fassung dieses Textes ist am 12. August im Standard erscheinen („Kommentar der Anderen“)

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